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Filmbesprechung


Starttermin: 26. April 2007

Dol – Im Tal der Trommeln

(Autonome Region Kurdistan, Frankreich, Deutschland 2006)

Drehbuch, Regie: Hiner Saleem

„Das kurdische Kino bemüht sich, in Richtung der Sonne und des Frühlings zu gehen“, erzählt Regisseur Saleem. „Nicht nur für mich, sondern für alle kurdischen Filmemacher ist es eine große Herausforderung, in dieser Branche zu arbeiten. Die über Kurdistan herrschenden Regierungen haben sich immer gegen das Kino und die Etablierung der kurdischen Kultur ausgesprochen.“ Schon in der Reihe zum türkischen Kunstkino von Kultura extra kam immer wieder die Kurdenfrage zum Tragen. Die rund 35 Millionen Kurden sind überwiegend auf die Länder Türkei, Iran, Irak und Syrien verteilt. Seit dem zweiten Irakkrieg 2003 gibt es im ehemals irakischen Teil die Autonome Region Kurdistan, aus der dieser Film stammt.

Der Film beginnt in der Türkei in der Nähe des Dreiländer-Ecks Türkei, Iran und Irak. Die türkische Armee kontrolliert die Grenzregion gründlich. Für die türkischen Soldaten ist das kein erfreulicher Einsatz. Für sie sind die Kurden entweder Schmuggler oder Rebellen, was sicherlich für einen Teil der Bevölkerung zutrifft. Das Misstrauen auf beiden Seiten ist groß. Aber gut, dass es immer noch die Liebe gibt. Azad (Nazmi Kirik), der Held der Geschichte, ist verliebt und will heiraten. Bei der Hochzeitsfeier verbietet der türkische Kommandant, dass die traditionellen kurdischen Lieder gesungen werden. Da rastet Azad aus und schießt nach dem Kommandanten. Azad muss alles hinter sich zurück lassen und flieht in die Autonome Region Kurdistan. Von dort aus will er seine Braut nachkommen lassen.


Bombenhochzeit


Azad trifft auf eine Reihe anderer Entwurzelter, wie Cheto (Abdullah Keskin), der in Paris lebt und in die Autonome Region Kurdistan gereist ist, um seine Schwester zu beerdigen. Beim Wiederaufbau der Region werden immer wieder Massengräber gefunden. In einem solchen Grab konnten die sterblichen Überreste seiner Schwester identifiziert werden. - Taman (Belcim Bilgin) ist eine junge Kurdin aus dem Iran. Sie will ihren Verlobten heiraten, der sich einer Gruppe bewaffneter Unabhängigkeitskämpfer im Iran angeschlossen hat. Im Grenzgebiet der Autonomen Region Kurdistan wartet sie auf seine Rückkehr. Wie bei Azad und seiner Braut schaffen es die Liebenden, trotz widriger Umstände eine Hochzeit zu organisieren. Aber auch Tamans Hochzeit wird jäh unterbrochen. Ein Bombenangriff löst die Feierlichkeiten auf.

Azad, Cheto und Taman sind metaphorische Figuren, die jede einen anderen Teil Kurdistans repräsentieren. Azad steht für die ungelöste Kurdenfrage in der Türkei. Cheto für die Moderne und den Aufbruch in der Autonomen Region, Taman für eine Kriegssituation, die sich verselbständigt hat und schon als Normalzustand angenommen wird. Im Iran herrscht offiziell gar kein Krieg.




Der gemeinsame Nenner der Handlungsstränge ist der Titel „Dol“. Dol bezeichnet ein traditionelles kurdisches Schlaginstrument, das auf Feierlichkeiten, wie auch Beerdigungen gespielt wird. Es zeigt, dass Freude und Leid, Leben und Sterben, nur zwei Seiten der selben Medaille sind. „Für uns Kurden ist Musik wie ein Lebensmittel, das sowohl beim Tod als auch bei der Geburt notwendig ist“, erklärt Saleem. „Dol heißt auf kurdisch Trommel oder Trommler. Es kann aber auch Tal heißen. Somit bezeichnet Dol das musikalische Leben in einem bergigen Land.“



Das „bergige Land“ ist mehr als nur Filmkulisse. Die monumentale Gebirgslandschaft Kurdistans teilt sich in tiefe Täler und weite Horizonte auf. Zwischen diesen Polen leben die Menschen. Die Enge steht auch ein Stück weit für die Engstirnigkeit, für tradierte Ansichten und Bräuche, die manchmal im Gegensatz zu den Erfordernissen der Zeit und den Bedürfnissen der Menschen stehen. Der Horizont kann als Symbol für das Unerreichbare verstanden werden. In statischen Bildern stellt Saleem seine Schauspieler mitten in die Natur. Diese Einstellungen sind offensichtlich ein Zitat auf Zülfü Livanelli und seinen Film „Eisenerde, Kupferhimmel“. Die Menschen werden in ihrer Kreatürlichkeit gezeigt, aber auch in ihrem Selbstbehauptungstrieb. „Dol“ kommt mit verhältnismäßig wenig Dialogen aus. Dialoge kämen der Komplexität des Themas und der Gefühlslagen der Figuren vermutlich auch nicht nahe. Die kunstvoll komponierten Bilder und der einfühlsame Einsatz von Musik bringen dem Publikum auf wesentlich universellerer Ebene die Befindlichkeit der Region näher. Hiner Saleem hat das kurdische Kino nicht nur um einen guten Film bereichert, er schafft es auch, auf intensive und doch unterhaltsame Weise, einem internationalen Publikum die Problematik anschaulich zu machen.


Helga Fitzner - red / 11. Mai 2007
ID 3198

Weitere Infos siehe auch: http://www.dol-der-film.de





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