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Besprechung


Starttermin: 9. August 2007

Zehn Kanus, 150 Speere und 3 Frauen

(Australien 2006)

Regie, Drehbuch, Produktion: Rolf de Heer

Selten gibt es für Filmkritiker Sternstunden, in denen er (oder sie) etwas Neues und Anderes vorstellen darf. Denn es ist unmöglich nach über hundert Jahren Filmgeschichte, das Rad neu zu erfinden. Alles ist irgendwie schon einmal da gewesen.

Nun kommt in Deutschland ein Film heraus, in dem erstmals überwiegend die Sprache nord-australischer Aborigines gesprochen wird und der durchweg mit Darstellern besetzt ist, die echte Aborigines aus der Gegend sind. Und noch etwas ist anders. Die erzählte Geschichte handelt von der mythischen Vergangenheit, der metaphysischen Herkunft der Aborigines. „Entstanden ist eine poetische Fabel, eine augenzwinkernde Expedition zu den Wurzeln der Menschheit“, heißt es treffend im Presseheft.

„Diese Geschichte ist anders als eure Geschichten“, erklärt ein Off-Sprecher (David Gulpilil Ridjimiraril Dalaithngu) in englischer Sprache mit der weichen und melodischen Intonation eines Aborigines. „Aber es ist trotzdem eine gute Geschichte“, verspricht er. - Die Handlung findet auf zwei verschiedenen Zeitebenen statt.


Dayindi alias Yeeralparil im Kanu


Vor 1000 Jahren, lange vor der Besiedelung Australiens durch die Weißen, lebten viele Stämme im Norden Australiens. Einmal im Jahr zur Gänseeier-Jagdsaison macht sich eine ausgewählte Gruppe von Männern aus der Region Ramingining auf den Weg in die Sümpfe. Angeführt werden sie vom Stammesältesten Minygululu (Peter Minygululu). Der junge Dayindi (Jamie Dayindi Gulpilil Dalaithngu) ist das erste Mal mit dabei, damit er lernt, in den Wäldern geeignete Baumrinde zu finden und sie in einem Stück abzuziehen. Die Rinde wird für den Bau von Kanus benötigt, mit denen die Männer in den Sümpfen auf Jagd gehen. Minygululu erfährt, dass der ledige Dayindi einen Bruder hat, der drei Frauen sein eigen nennt. In die jüngste von ihnen hat sich Dayindi verliebt. Diese Liebe verstößt aber gegen Stammesgesetze und könnte in einer Katastrophe enden. Minygululu nimmt Dayindi während der Jagdzeit unter seine Fittiche und erzählt ihm eine mythische Geschichte aus der Vorzeit. Je ungestümer Dayindi sich zeigt, desto gemächlicher fährt Minygululu mit seiner Geschichte fort. – Diese Gemächlichkeit stellt auch den Zuschauer auf eine Geduldsprobe, zumindest bis ihm der Balance-Akt gelingt, der spannenden Geschichte in einer Art meditativem Zustand zu folgen.

Es war einmal in der mythischen Vorzeit, zur Zeit der Ahnen, kurz nach der großen Flut, die das ganze Land unter sich begraben hatte. Da lebte ein Mann Ridjimiraril (Crusoe Kurddal) mit seinen drei Frauen. Die eine davon war klug, die andere eifersüchtig, und Munandjarra war die hübscheste und jüngste von ihnen. Ridjimiraril hatte einen jüngeren Bruder Yeeralparil (gespielt von dem Darsteller des Dayindi). Der hatte sich in die schöne Munandjarra verliebt. Er fand es ungerecht, dass sein Bruder Ridjimiraril drei Frauen hatte und ihm selbst noch nicht einmal eine versprochen war. Yeeralparil schlich sich immer wieder in die Nähe des Hauptcamps, obwohl er im Camp der Junggesellen hätte bleiben müssen. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Ein Fremder taucht auf, um Tauschgeschäfte zu machen. Er behauptet, über magische Kräfte zu verfügen. Die Männer schicken in höflich wieder weg. Doch der Dorf-Zauberer ist beunruhigt. Er sucht das ganze Lager und die Umgegend nach bösem Zauber ab, den er Fremde vielleicht zurückgelassen hat. Er kann aber nichts finden.


Frauenraub


Kurz darauf verschwindet Ridjimirarils zweite Frau spurlos. Niemand weiß, was geschehen ist. Nach Monaten kommt ein alter Onkel ins Dorf und erzählt, dass er die vermisste Frau mit dem rätselhaften Fremden in einem weit entfernten Ort gesehen habe. Damit ist die Sache klar. Die Männer des Dorfes müssen aufbrechen, um die Frau zu befreien. Yeeralparil will unbedingt mit auf Kriegspfad gehen, aber er darf nicht. Wenn beide Brüder ums Leben kämen, wären Ridjimiralils Frauen unversorgt. Yeeralparil müsste sie im Falle des Todes seines Bruders heiraten...
Viel mehr wird an dieser Stelle nicht verraten, weil das Ende der Geschichte geradezu eine Pointe ist und dabei von tiefer Weisheit und Spiritualität getragen wird. Es kommt zur irrtümlichen Tötung eines unschuldigen Mannes und damit tritt das Gesetz der Makaratta in Kraft: Das ist das Gesetz der Blutrache. Die Ausführung dieser Blutrache ist wieder so anders, als wir uns als Europäer das so vorstellen, weil sich Gerechtigkeit und Gnade hier nicht ausschließen.


Kriegspfad


Der Regisseur Rolf de Heer ist Holländer und lebt seit seinem achten Lebensjahr in Australien. Für seinen Film „The Tracker“ hatte er schon David Gulpilil als Hauptdarsteller gecastet, der im Film den Off-Erzähler spricht. David Gulpilil lud später de Heer in sein Dorf Ramingining ein, wo die Idee zu „Zehn Kanus, 150 Speere und drei Frauen“ entstand. Neben David waren auch Richard Birrinibirrin (der im Film einen wohlbeleibten Honigschlecker namens Birrinbirrin! spielt) und Bobby Bununggurr (im Film der Onkel) maßgeblich an der Projektentwicklung und –durchführung beteiligt. Es war klar, dass der Drehort das traditionelle Land der Aborigines sein würde und dass es um ihre eigenen Geschichten ginge. Eines Tages fielen dem Team die Schwarz-Weiß-Fotografien von Dr. Donald Thomsen in die Hände, einem Anthropologen, der in den 30er Jahren in der Gegend geforscht hatte. Diese Aufnahmen ließen eine längst vergangene Welt wieder auferstehen, weil sie die Ureinwohner bei ihren traditionellen Tätigkeiten, wie der Zubereitung von Speisen, dem Jagen, Bau von Hütten und Kanus, zeigten.

De Heer und seinem Team ist es gelungen, innerhalb eines Spielfilms das Leben, die Sitten und die Gesetze der Ureinwohner einzufangen, die um den Arafura-Sumpf herum leben, der im Nordosten Australiens liegt. Eingebettet sind diese in eine Story, die Liebesdramen enthält, kriegerische Handlungen, Racherituale und zum Schluss einen Totentanz, der eine ungeheure Magie und Faszination ausübt. Hier wird die Seele sorgfältig vorbereitet und verabschiedet, damit sie sich nach langer Ruhephase unbeschadet in die nächste Inkarnation wagen kann. Auf ihre Art kann diese Geschichte mit griechischen Tragödien oder Shakespeare-Dramen durchaus mithalten. David Gulpilil als Erzähler schafft es aber immer durch seine warme, selbstreflexive und humorvolle Erzählweise ein augenzwinkerndes Einverständnis mit dem Zuschauer herzustellen, und er hat recht: Es ist eine gute Geschichte!“.


Helga Fitzner - red / 08. August 2007
ID 00000003389
„Zehn Kanus, 150 Speere und 3 Frauen“
(Australien 2006)


Originaltitel: Ten Canoes

Regie: Rolf de Heer, Peter Djigirr
Drehbuch: Rolf de Heer

Schauspieler:
Crusoe Kurddal als Ridjimiraril
Jamie Gulpilil als Dayindi/Yeeralparil
Richard Birrinbirrin als Birrinbirrin
Peter Minygululu
Peter Djigirr als Canoeist/The Victim/Warrior

Weitere Infos siehe auch:





 

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