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Rezension


Starttermin: 18. Januar 2007

Flags of our Fathers (USA 2006)

Regie, Produktion, Musik: Clint Eastwood

Kriegsfilm mit dokumentarischen Elementen

Clint Eastwood will mit diesem Film die Wahrheit über den Pazifikkrieg erzählen: „Es geht in dieser Geschichte um eine ganze Generation, die sich für ihr Land geopfert hat, und die daraus folgenden Konsequenzen“, erklärt er. Das klingt alles sehr nett und linientreu. In Wahrheit erzählt er aber die Geschichte einer Generation, die von Kriegstreibern und Politikern beispielhaft getäuscht wurde.



Wir schreiben den 16. Februar 1945. Die Kriegsmarine und Airforce der USA bereiten den Angriff auf die Pazifikinsel Iwo Jima vor. Aus amerikanischer Sicht ist die Insel strategisch so ungünstig gelegen, dass sie den Japanern als Luftstützpunkt dient, um Angriffe gegen die Alliierten zu fliegen und zusätzlich noch als Frühwarnstation gegen die Angriffe der Alliierten, die schon lange vor ihrer Ankunft von der japanischen Luftabwehr erwartet werden. Die Einnahme von Iwo Jima durch die Alliierten würde kriegsentscheidend sein. Aber 22.000 japanische Soldaten sichern die Insel. Die USA schicken insgesamt 73.000 Soldaten zur Eroberung. Die erste Welle muss einen 166 Meter hohen Berg einnehmen, den Mount Suribachi, der vehement von den Japanern verteidigt wird. 6.821 Amerikaner verlieren bei der „Eroberung“ der Insel ihr Leben. 20.000 werden verwundet. Die Anzahl der japanischen Opfer ist noch erschreckender: Von den 22.000 Soldaten überleben nur 1083.


Ned Eisenberg als Joe Rosenthal in Flags of our Fathers


Joe Rosenthal ist in hohem Maße kriegsuntauglich. Als Fotograf darf er aber trotzdem eingeschränkt am Krieg teilnehmen. Als die Amerikaner nach hohen Verlusten die amerikanische Flagge auf dem Mount Suribachi hissen, drückt er auf den Auslöser. Damit kreiert er ein Foto, das Geschichte schreibt, vielleicht sogar kriegsverkürzend ist...
Halt! So war es nicht! Und das erzählt Clint Eastwood detailliert. Ein General will nämlich die Originalfahne als Souvenir mit nach Hause nehmen. Hinterher muss also eine neue, größere Flagge gehisst werden, und das ist das Fahnenhissen, das Rosenthal fotografiert. Zu Hause in den USA druckt fast jede Zeitung und jedes Magazin dieses Foto ab. Nach einem langen zermürbenden Krieg symbolisiert es Hoffnung, denn die amerikanische Flagge ist das Symbol, das die amerikanische Nation zusammenhält. Deshalb strahlt dieses Foto Hoffnung aus, Hoffnung, dass der lange zermürbende Krieg einen Sinn gehabt hat, dass die Söhne und Männer bald wieder heim kommen. - Das alles basiert auf einem Ereignis, das nachgestellt wurde.


Adam Beach, Ryan Phillippe und Jesse Bradford in Flags of our Fathers


Genauso fragwürdig geht es weiter. Die US-Regierung ist angetan. Sie beordert die Fahnenhisser sofort in die USA zurück. Von den sechs Männern haben nur drei den gesamten Einsatz überlebt. Die drei Überlebenden haben zahllose öffentliche Auftritte, in denen sie von Heldentum und Nationalstolz erzählen. Weil sie, die Helden von Iwo Jima darum bitten, lassen sich die Amerikaner dazu verleiten, wieder Kriegsanleihen zu kaufen. Die getöteten Kameraden dienen dabei als Vermächtnis, schließlich sollen sie nicht umsonst gestorben sein. So kann die Kriegsmaschinerie weiterlaufen. - Die „Jungs“ treiben insgesamt 22 Milliarden US-Dollar auf, eine für damalige Verhältnisse unvorstellbare Summe.
Eastwood zeigt den Druck, unter dem die drei Soldaten stehen. Er demonstriert die Überredungskünste, die aufgewendet werden müssen, damit sie sich als Helden vorführen lassen. Heldentum erweist sich hier als Kunstprodukt. Die „Begründungen“ sind abgedroschen und inhaltsleer.

Die Bilder und Reden ähneln denen, die wir in Bezug auf den Irakkrieg heute noch täglich in den Nachrichten sehen: All die leeren Phrasen der Bush-Regierung, der fragwürdige Mythos der Fahne, all die Bilder, die auf vermeintliche Tugenden wie Heldentod verweisen, das Hochhalten einer Demokratie, die in Wahrheit beschnitten wird und ihrem Namen immer weniger gerecht wird. (Diese Parallelen sind so klar, dass Eastwood filmimmanent diesen Zusammenhang gar nicht herstellen muss.)

Nach außen hin spielen die Kameraden ihre Rolle scheinbar perfekt, sie reisen durchs Land, halten Reden vor Menschenmassen, schütteln Hände... In Wahrheit aber haben alle drei ein gebrochenes Verhältnis zu den Inszenierungen. Der Navy-Sanitäter John „Doc“ Bradley hat viele Soldaten mit schweren Verletzungen behandelt. Vielen konnte er nicht mehr helfen und nur noch beim Sterben Beistand leisten. Besonders der Verlust des jungen Iggy lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Er kommt sich auf den Partys in feiner Gesellschaft ziemlich verloren vor. Der gefeierte „Held“ Rene Gagnon war Kriegskurier und hat selbst nicht einen Schuss abgeben brauchen. Am Anfang glaubt er den Parolen und will sich jetzt in der Heimat besonders bewähren. Der Soldat Ira Hayes ist Pima-Indianer und gehört damit zu einem der vielen Indianervölker, die von den Weißen fast ausgerottet wurden. Als Soldat hatte er längst kein so gespaltenes Verhältnis zur Politik seines Landes, wie als vorgeführter Held, der die Wahrheit der Gräuel verschweigen muss und lügen, um Geld aufzutreiben, das diesen Krieg fortführt. Als Indianer hat er ein zusätzliches Problem, denn er verträgt keinen Alkohol. Darauf wird auf den Feiern keine Rücksicht genommen. Später rutscht er schnell in den Alkoholismus ab.

Joe Rosenthals Foto schreibt indes seine eigene Erfolgsstory. Es wird mit Pultizer-Preis ausgezeichnet und gehört zu den meistgedruckten Bilder in der Geschichte der Fotografie. Es dient als Vorlage für Poster und Briefmarken und sogar ein Kriegsdenkmal. Noch heute ist es als Gedenken für den Marine Corps in Arlington, Virginia zu bewundern. Erst vor ein paar Jahren wird nach seinem Vorbild auch ein Foto in New York inszeniert. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center wird auf dem Schutt am Ground Zero die Fahne gehisst, als Zeichen des Überlebenswillen der US-Bürger.

Eastwood entmystifiziert mit „Flags of Our Fathers“ den Krieg und die Rechtfertigung von Gewalt. Das zeigt sich zum Beispiel in Sequenzen, in denen die drei Soldaten auf einer Veranstaltung einen nachgebauten Hügel erstürmen und die Szene nachstellen sollen. Das hat gar nichts mehr mit der Realität zu tun, vor allem nicht angesichts der Kameraden, die immer noch weiterkämpfen.

Eastwood schildert auch die Einsätze der drei Fahnenhisser, die gefallen sind. Sergeant Michael Strank war beim Einsatz auf Iwo Jima schon 25 Jahre alt. Damit zählte er zu den Veteranen. Die meisten Soldaten seiner Einheit waren Teenager im Alter von 18 oder 19 Jahren. Franklin Sousley war der Jüngste der Fahnenhisser und sehr lebenslustig. Er sorgte immer für Stimmung in der Einheit Der Gefreite Harlon Block gehörte zum Football-Team an der Highschool und war körperlich sehr durchtrainiert. Weil er auf dem Foto irrtümlich mit seinem Kameraden Hank Hansen verwechselt wird, geht er in die Annalen der Geschichte ein, obwohl er gar nicht auf dem Foto zu sehen ist. – Während der Propaganda-Tour durch die USA kommt es zur Konfrontation mit Hank Hansons Mutter, die sicher ist, dass nicht Harlon Block auf dem Foto zu sehen ist, sondern ihr eigener Sohn. Doch sie wird von den Verantwortlichen abgewehrt, weil die Verlogenheit der ganzen Inszenierung dann zu Tage träte.

Eastwood gelingt mit „Flags of Our Fathers“ eine wundervolle Demontage des Kriegs. Der Film ist sehr stark auf die amerikanische Sicht beschränkt. Deshalb hat Eastwood noch einen Film auf Japanisch gedreht „Letter from Iwo Jima“, der im Februar auf der Berlinale gezeigt wird und am 22. Februar in den deutschen Kinos startet. Eastwood war bei den Recherchen zum Film auf Briefe japanischer Soldaten gestoßen, die er zur Vorlage nahm und worin er die Vorgänge in den japanischen Bunkern schildert.

“In den Kriegsfilmen meiner Jugend war die Welt klar in die Guten und die Bösen aufgeteilt”, erinnert sich Eastwood. „Das hat aber mit dem wirklichen Leben, mit dem wahren Krieg nichts zu tun. In meinen Filmen geht es nicht um Sieg oder Niederlage. Es geht um das, was der Krieg in den Menschen anrichtet, es geht um jene, die viel zu früh sterben müssen.“


Helga Fitzner - red / 20. Januar 2007
ID 00000002932
Die Fahnenhisser und ihre Darsteller:
John „Doc“ BradleyRyan Philippe
Rene GagnonJesse Bradford
Ira HayesAdam Beach
Michael StrankBarry Pepper
Franklin SousleyJoseph Cross
Hank HansenPaul Walker
Harlon Block Benjamin Walker


In weiteren Rollen:
Ralph „Iggy“ IgnatowskyJamie Bell
Keyes BeechJohn Benjamin Hickey
Bud GerberJohn Slattery
Joe RosenthalNed Eisenberg
President TrumanDavid Patrick Kelly
General SmithGordon Clapp


Hinter der Kamera:
Clint EastwoodRegie, Produktion, Musik
Paul HaggisDrehbuch (Oscar für „Million Dollar Baby“)
Steven SpielbergProduktio
Tom SternKamera
Joel Cox, A.C.E.Schnitt
Deborah HopperKostüme
ProduktionsdesignHenry Bumstead

Weitere Infos siehe auch: http://www.flagsofourfathers.de





 

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