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Rezension


Filmstart: 19. Januar 2012

"Faust" (Russland 2011)

Regie: Alexandr Sokurov


© MFA+ FilmDistribution e.K.

Etwas sehr Ungewöhnliches passierte: Filmemacher Alexandr Sokurow (nicht deutsch sprechender Russe) war der Meinung, wenn er sich schon auf den (deutschen) Fauststoff filmisch einließe, dann müsste sowas unabdinglich in der Ursprungssprache jenes (deutschen) Fauststoffs sein - den (deutschen) Faust sollte man ja nicht ausschließlich und nur an Goethens letztweisheitlicher Gesamtsicht festmachen; vor Goethen gabs ja schon das mittelalterliche Volksbuch, nach ihm hatten sich zum Beispiel Lenau oder Grabbe fauststückmäßig eingebracht - , ja und so drehte Alexandr Sokurow den Faust-Film, frei nach Johann Wolfgang Goethe, mit russischen und österreichischen und deutschen Schauspielern auf Deutsch. Marina Korenewa, ihres Zeichens Übersetzerin und ausgewiesne Spezialistin für das Deutsch-Russische allgemein und im Besonderen, stand ihrem Regisseur als Drehbuchkoautorin schöpferisch zur Seite. Ja und nochmals deutschsprachlicher Weise nachbereitet wurde Alles dann durch die sehr renommierte Berliner Synchron AG und Stephan Hoffmann ("Für mich war dieses Projekt in jeder Hinsicht einzigartig. Gemeinsam mit einem weltberühmten Regisseur sozusagen einen 'Stummfilm zum Leben zu erwecken' und die Originalschauspieler bei den Sprachaufnahmen wieder zu den Leistungen zu führen, die dann Sprache und Körper zu einem homogen Ganzen werden lassen.")

Aber nicht nur sprachlich - sondern auch, ja und vor allem, bildlich dürfte dieser Film einer der ungewöhnlichsten der letzten Jahre und Jahrzehnte sein: Der Grundduktus von Kameramann Bruno Delbonnel (Die fabelhafte Welt der Amélie oder Harry Potter und der Halbblutprinz) ist "farblos-dunkel". Und so überträgt er die gefühlte und gelebte biedermeierische Spitzweg-Ära, wo der Faust-Film zeitlich angelegt ist, in an umweltlichem Ekel (Jauche, Aussatz) grenzender Wahrscheinlichkeit gemahnte Unromantik; und der "Bücherwurm" beginnt demnach in einem Fort nach Jauche und nach Aussatz vor sich hin zu stinken, wie das Hirn des Zuschauers assoziieren muss, wenn er in diese Kübel "farblos-dunkler" Bilder tauchen tut... Das geht schon damit los, dass Faust (Johannes Zeiler) zu Beginn des Films 'nen menschlichen Kadaver öffnet und sich der, derart geöffnet, wie von selbst von seinem Darmgeschlänge, das herausgetriefelt kommt, befreit - Faust suchte demgemäß die Seele, die er freilich so nicht fand.

Ein sognenannter Wucherer (Anton Adassinsky) soll den Teufel personifizieren - das schürt gleich gewisse "Ängste" bei dem (deutschen) Filmbetrachter: Wäre das vielleicht als Anspielung auf den schon immer als den Wucherer an sich klischierten Juden zu verstehen? Aber weit gefehlt; das zielte wohl auf eine allzu platte Unterstellung. Es mag eher eine Form der distanzierten Ironie (zum vorgelebt gewesenen Klischee) gewesen sein, denn: In dem Sokurow'schen Faust-Film gibt es eine Szene, wo man eine Ansammlung von "echten" Juden sieht; und die bedrängen diesen ganz und gar wohl unjüdischen Wucherer, der sie dann ganz und gar bemüht ist, von sich abzuschütteln oder abzuwerfen, ihnen also keinen oder nicht genug Kredit gewährt; so geht dann also, völlig überraschend, jener eingangs unterstellte Antisemitismus ausgerechnet dann vom Teufel aus...

So oder so gibt es in dieser filmisch völlig umgedeuteten Version von Goethes Faust Figuren, die im O-Text Der Tragödie Erster Teil so nicht zu finden sind; eine Frau Emmerich soll Gretchens Mutter (Antje Lewald), eine tagtraumhaftig vor sich hin brabbelnde Frau (Hanna Schygulla) gar die "Ehefrau" vom Wucherer, ein hemdsärmliger und schon ziemlich hochbetagter Pathologe (Sigurdur Skulasson) Faustens Vater sein.

Allein das Gretchen identifiziert sich (durch das engelhafte Aussehen und "unschuldige" Spiel Isolda Dychauks) als der eigentliche und vielleicht auch einzig-wahre Prototyp dieser Gestalt... also wie man sich's Gretchen dann im Film so ganz und gar besieht. Mit ihm & ihm (Gretchen & Faust) strahlt auch dann, lichterloh und blendweiß, die Zentralszene des Films gegen das Kinosaalschwarz "zu uns runter": Plötzlich sind die Beiden körpernah, obwohl sie sich nicht anfassen, ja und man sieht das lichterloh und blendweiß überflutete Gesicht vom Engelgretchen, und man lauscht ihrem Geatme und Geschlucke; kein Wort fällt - das ist wohl dann die Lösung aller Fragen, die den Faust bewegte, quasi seine Suche nach dem "Augenblick" - -

"...verweile doch, du bist so schön."



Isolda Dychauk ist Gretchen in Alexandr Sokurows FAUST-Film - Foto (C) MFA+ FilmDistribution e.K.

Der Wucherer (als Mephistopheles) hantiert an Gretchens Mutter (alias Frau Emmerich) herum - Foto (C) MFA+ FilmDistribution e.K.

Anton Adassinsky soll als Wucherer den Teufel (Mephistopheles?) erahnen lassen, was den FAUST-Film von Sokurow irrwitziger Weise auch antisemitisch deuten ließe - Foto (C) MFA+ FilmDistribution e.K.


Die letzten Einstellungen dieses sprachlich und auch bildlich so nervös berauschenden und irritierend schönen Films wurden in isländischer Landschaft, um das Aufzischen eines Geysirs herum, gemacht. Beginn und/oder Ende einer Weltenreise, wie sie eigentlich dann erst im Zweiten Teil des Faust-Dramas von Goethe abläuft. Bei der gleichsamen Begegnung mit den toten Seelen der Verstorbenen, Ermordeten - Wagner (den Georg Friedrich spielte) hat Homunkulus erschaffen... Valentin (den Florian Brückner gab) ersteigt, wie Faust, die Berge...

Faust steinigt den Teufel, und sein Seelenheil wird hierdurch wieder frei.

Inflationäres Stoffgebilde, großartiges Denken voller Sprach- und Bildkraft!!


Bobby King - 20. Januar 2012
ID 00000005694
FAUST (Russland 2011)
Regie: Alexandr Sokurow
Buch: Juri Arabow
Drehbuch: Alexandr Sokurow und Marina Korenewa
Kamera: Bruno Delbonnel
Szenenbild: Elena Schukowa
Kostümbild: Lidia Krukowa
Nachbearbeitung: Jörg Hauschild
Maske: Tamara Frid
Originalmusik / Produktion: Andrey Sigle
Besetzung:
Faust ... Johannes Zeiler
Wucherer ... Anton Adassinsky
Margarete ... Isolda Dychauk
Wagner ... Georg Friedrich
Des Wucherers "Ehefrau" ... Hanna Schygulla
Margaretes Mutter ... Antje Lewald
Valentin ... Florian Brückner
Fausts Vater ... Sigurdur Skulasson
Valentins Freunde ... Maxim Mehmet / Andreas Schmidt
Im Bildformat 1:1.33
Laufzeit 134 min
Eine Proline Film Produktion unterstützt von Stiftung für Film- und Medienförderung, St.Petersburg (Oleg Rudnow) und der Filmförderung, Russland (Sergej Tolstikow)

Weitere Infos siehe auch: http://www.mfa-film.de





 

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