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Film-Feuilleton

DEATH WISH

Charles Bronson

3. November 1921 – 30. August 2003

Die Niederschrift von Nachrufen auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens birgt bisweilen nur wenig wirklich Erhellendes in sich, wie erst unlängst wieder anhand der Todesnachricht der einstigen Schauspielerin und Regisseurin Leni Riefenstahl zu erfahren war: Voller Scham ob deren finsterer Vergangenheit wurde die Kundgabe ihres Ablebens bevorzugt in die Tiefen des öffentlich-rechtlichen Videotextes verbannt, in der Hoffnung darauf, diese werde geflissentlich überblättert, um sich den für das kulturelle Tagesgeschehen weitaus fruchtbareren Kommentaren einiger ausgewählter Vertreter der bundesdeutschen Spitzenpolitik hinsichtlich der gestammelten Stellungnahmen eines Rudi Völlers widmen zu können. Andererseits erahnte man den Inhalt der auf diese Weise fast unterschlagenen Botschaft bereits, ohne darin gelesen zu haben, und zwar dergestalt, als dass die obengenannte Künstlerin mittels ihres Wirkens das braune Schreckensregime ästhetisierte, hierüber Karriere machte und diesen Umstand zum Entsetzen jener stets grenzenlos betroffenen Mehrheit aller billig und gerecht Denkenden nicht nur immer abstritt, sondern ebensowenig bedauerte wie ansonsten vielleicht nur noch der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger sein Handeln in früheren Tagen, welches selbstverständlich mit dem damals gängigen Nazi-Gesetzbuch und dessen etwas eigener Vorstellung vom Strafprozess absolut konform ging. Diese Kreatur, die aufs Unflätigste gerade mal ansatzweise adäquat zu titulieren mir leider untersagt ist, wird allerdings schon zu Lebzeiten mit einem Empfang der Landesregierung geehrt, obwohl er den Russen auch heute noch gerne „Iwan“ ruft, womit mir die zugegebenermaßen reichlich hinkende Überleitung auf das eigentliche Anliegen dieser Zeilen endlich gelungen wäre.

Der am 3. November 1921 als Sprössling eines litauisch-stämmigen Bergarbeiters geborene Charles Bronson, dessen später aus Gründen der besseren Vermarktung geänderter Nachname ursprünglich Buchinsky lautete, ist nach langer schwerer Krankheit dahingeschieden. Umso weniger überraschend wurde er gelegentlich dieses zutiefst erschütternden Ereignisses der Einfachheit halber mal wieder als „harter Kerl“ bezeichnet, wie diverse Boulevardmagazin-Moderatorinnen, welche bis zu seinem Tode wahrscheinlich noch nicht einmal ahnten, dass er überhaupt je existiert hatte, unter Berufung auf verläßliche Quellen eifrig zu kolportieren wußten.

Und tatsächlich, ein Großteil der sporadischen Cineasten dürfte versucht sein, sich dieser Lesart alleine wegen der früheren Auftritte bevorzugt in Western oder Abenteuerstücken anzuschließen. Aber als auch er wie manch anderer Kollege das Glück in Europa suchte, wo man sich gerade damals mühte, der amerikanischen Vorherrschaft in gewissen filmischen Genres ordentlich Paroli zu bieten, wäre eigentlich eine erheblich differenziertere Sicht auf diesen Mann geboten gewesen. Dass seine im ursprünglichen Herkunftsland durchaus vorhandene Popularität nunmehr für einige Jahre von den Briten, Franzosen und Italienern in erster Linie für deren eigene Zwecke ausgebeutet wurde, war ihm bewußt und machte ihn angesichts der in dieser Periode entstandenen Werke beispielsweise Michael Winners, René Cléments oder Sergio Sollimas vermutlich nicht gerade unglücklich.

Als er wieder nach Hause in die Vereinigten Staaten gekommen war und für geraume Zeit eines der zugkräftigsten Aushängeschilder des Unterhaltungskinos werden sollte, da muss ihn das mangelnde Vertrauen der Produzenten in seine darstellerischen Fertigkeiten bisweilen so nachhaltig enttäuscht haben, dass er innerhalb des engen Korsetts, welches ihm aufgrund des vermeintlich nachfragenden Publikums auf den muskulösen Leib geschnürt wurde, scheinbar unmerklich die Dekonstruktion seines archetypisch festgelegten Charakters betrieb: Ein breites Lächeln und ausladende Handbewegungen bei ansonsten gewohntem Gestus waren meist sichere Anhaltspunkte dafür, dass es auf der Leinwand zünftig stauben würde. Gerade im Zenit seines Erfolges hatte er die wohl schönsten Rollen: Der mit der Präzision eines Mechanikers agierende, aber an akuten Zuständen der Beklemmung leidende Syndikatskiller, das von purer Feigheit getriebene und dennoch unfreiwillig zur Legende werdende Bandenmitglied, der alpdruckgepeinigte „Wild Bill Hickok“ und schließlich der die Gewalt verabscheuende Geheimagent – dank eines kaum greifbaren mimischen Minimalismus gelang es ihm, aus holzschnittartigen Figuren ein Maximum an glaubwürdiger Emotionalität herauszuholen.

Nachdem beinahe alles Reizvolle gespielt zu sein schien und die dankbaren Angebote ausblieben, gab er in konfektionierter Ware größtenteils nur geringfügig talentierter Regisseure den reaktionären Rächer heimtückisch gemeuchelter Sippenmitglieder, weshalb er auch jetzt noch einen eher zweifelhaften Leumund in gewissen liberal geprägten Zirkeln innehat – „umstritten“ ist in diesem Zusammenhang eine in der Tat ganz vortrefflich passende Kategorisierung. Und hiernach bedurfte es dann ausgerechnet einer völlig neuen Generation von Filmemachern, in seiner Person die eigentlich offenkundige Erweiterung des vermeintlich Bekannten zu entdecken: So ist einer der letzten Auftritte als gramgebeugter Vater in Sean Penns „Indian Runner“ von 1991 zugleich der mit Abstand beeindruckendste der späten Ära.

Am 30.08.2003 ist Charles Bronson im Alter von 81 Jahren in Los Angeles gestorben.

dd - red / September 2003



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