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Feuilleton


Starttermin: 21. Dezember 2006

Babel

(USA 2006)

Regie: Alejandro González Iñárritu

Den Film „Babel“ zu sehen, ist, als ob man dem Maler Rembrandt bei der Enthüllung seiner Bilder hätte zuschauen dürfen oder Mozart bei der Erstaufführung seiner Werke. Es fehlen die Worte zu beschreiben, was man gesehen oder gehört hat, aber man verfügt über ein inneres Wissen, dass man die Geburtsstunde eines historischen Kunstwerkes miterleben durfte. Aus gutem Grund ist dieser Außenseiter-Film der Abräumer bei den verschiedenen Filmfestivals und Preisverleihungen. Aktuell ist er in sieben Kategorien für den Golden Globe nominiert. „Babel“ ist die moderne Parabel auf eine Bibelstelle, in der Gott die Anmaßung des Turmbaus so hart bestraft, dass er die Menschen über den ganzen Erdball verstreut und ihre Sprache verwirrt. “Ich wollte das gesamte Konzept menschlicher Kommunikation – ihre Ziele, ihre Schönheit und ihre Probleme – in einem Wort ausdrücken”, erklärt der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu den Filmtitel.

Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Guillermo Arriaga entwickelte er vier Geschichten, die er auf drei Kontinente verteilte. Die erste spielt in der Wüste von Marokko. Dort bekommen zwei jugendliche Ziegenhirten ein Gewehr mit auf den Weg zu den Weideplätzen. Sie sollen die Ziegen damit vor den Schakalen beschützen. Um die Reichweite des Gewehres auszuprobieren, schießt einer der Jungen auf einen weit entfernten Reisebus...


Cate Blanchett
Die Kugel trifft die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett), die lebensgefährlich verletzt wird und zu verbluten droht. Ihr Ehemann Richard (Brad Pitt) ist verzweifelt darum bemüht, in der Wüstenei ärztliche Hilfe aufzutreiben. Es gibt im nächst gelegenen Dorf nur einen Tierarzt, der die Wunde ohne Betäubung und ohne sterile Räumlichkeiten nähen will. Die amerikanische Botschaft weigert sich, den einzigen Krankenwagen in der Nähe zu schicken, weil ein terroristischer Akt vermutet wird. Der Fall erringt große Aufmerksamkeit bei den Medien, so dass die marokkanische Polizei fieberhaft auf Terroristenjagd geht...


Adriana Barraza
Richard hat ein weiteres unlösbares Problem. Durch den Unfall seiner Frau verzögert sich die Heimreise nach Los Angeles, wo die mexikanische Kinderfrau Amelia auf deren kleine Kinder aufpasst. Das Ehepaar hatte eine pünktliche Rückkehr versprochen, damit Amelia (Adriana Barraza) zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko reisen kann. Amelia sieht nun keine andere Möglichkeit, als die beiden Kinder nach Mexiko mitzunehmen. Dies ist ein großes Risiko, weil sie illegal in den USA arbeitet. Da sie die Kinder liebt und seit ihrer Geburt für sie sorgt, ist Amelia nicht wirklich klar, wie anders amerikanische Grenzsoldaten das sehen...


Rinko Kikuchi


Der letzte Erzählstrang zeigt eine sexbesessene Jugendliche in Tokio. Das junge Mädchen Chieko (Rinko Kikuchi) ist taubstumm und hat den Selbstmord ihrer Mutter noch nicht verarbeitet. Sie glaubt aber, dass ihr Unglück daran liegt, dass sie noch nie Sex gehabt hat. „Wenn Worte nicht zur Verfügung stehen, wird der Körper zu einem Instrument, das Waffe oder Einladung sein kann“, so Iñárritu. Ihr verwitweter Vater (Koji Yakusho) kommt an das verschlossene Mädchen nicht mehr heran. In dieser Episode steht das Kommunikationsproblem am deutlichsten im Vordergrund. Eines Tages taucht die Polizei bei dem Witwer auf. Die marokkanischen Behörden wollen wissen, ob das Gewehr, mit dem die Amerikanerin angeschossen wurde, von ihm stammt. Und das ist richtig. Während eines Urlaubs in Marokko hat er das Gewehr seinem marokkanischen Reiseleiter aus Dankbarkeit geschenkt. Der Reiseleiter wiederum hat es an die Ziegenhirten verkauft, und so schließt sich der Kreis.

Was den mexikanischen Regisseur Alejandro González Iñárritu angeht, ist „Babel“ nicht sein erstes Kunststück, aber bislang sein überzeugendstes. Iñárritu versteht „Babel“ als den dritten Teil einer Trilogie, die nach „Amores Perros“ (Mexiko, 2000) und „21 Grams“ (USA, 2003) nun endet. Er hat mit einem bewährten Team gearbeitet, das an allen drei Filmen mitgewirkt hat: Dem Drehbuchautor Guillermo Arriaga, dem Kameramann Rodrigo Prieto und dem Komponisten Gustavo Santaolalla. Die Themen des Films sind mehr als anspruchsvoll: Der Mangel an Kommunikation in einer Informationsgesellschaft, Globalisierung, Terrorangst, staatliche Willkür und vieles mehr. Im Prinzip wäre das ein Projekt, das von vorneherein zum Scheitern verurteilt wäre: Drehorte auf drei Kontinenten, die Vermengung von Erzählsträngen über Kulturen und Kontinente hinweg, auch während der Dreharbeiten ein babylonisches Sprachengewirr aus Englisch, Spanisch, Arabisch und Japanisch. Mangelnde oder fehlerhafte Kommunikation wird im Film dann auch noch auf verschiedenen Ebenen gezeigt.

In der Familie und dem direkten Umfeld fängt das schon an. Das amerikanische Ehepaar Susan und Richard hat kürzlich ein Baby verloren, das am plötzlichen Kindstod gestorben ist. Jeder trauert auf seine Art, kommt aber nicht mit der Situation zurecht. Innerhalb der Ehe herrscht Sprachlosigkeit, obwohl beide eine ähnliche Sozialisation durchlaufen haben und dieselbe Sprache sprechen. Während des Urlaubs in Marokko wollten sie Abstand gewinnen und wieder zueinander finden. Da kommt es zur lebensgefährlichen Katastrophe. In der marokkanischen Familie ist mangelnde Kommunikation der Auslöser für die Verkettung der verhängnisvollen Ereignisse. Der Vater erläutert den Jungen den technischen Umgang mit dem Gewehr, klärt sie aber nicht über die damit verbundene Verantwortung und möglichen Gefahren auf. In Tokio schaffen Chieko und ihr Vater nicht mal Verabredungen einzuhalten, geschweige denn den Selbstmord von Chiekos Mutter gemeinsam zu verarbeiten. Das mexikanische Kindermädchen Amelia und ihr Neffe Santiago (Gael García Bernal) sprechen sich nicht ab, als sie nach der mexikanischen Hochzeit wieder illegal in die USA einreisen wollen. Mit zwei amerikanischen Kindern im Wagen und angesichts der vielen Entführungen in Mexiko bleibt es nicht aus, dass sie an der Grenze Ärger bekommen.

Santiago unternimmt eine halsbrecherische Flucht über die Grenze, während der Amelias und das Leben der Kinder gefährdet wird. Diese Sequenzen sind Beispiel für eine fehlerhafte Kommunikation zwischen den Kulturen, die nicht nach dem Einzelfall fragt. Es sind die gängigen Vorurteile, die Amerikaner den Mexikanern gegenüber haben und umgekehrt. Iñárritu hat als Mexikaner großes Verständnis für seine Filmfigur Santiago: „Er repräsentiert die Einstellung, die manche mexikanische USA-Pendler gegenüber den US-Behörden haben. Der Grund für Santiagos Wutausbruch liegt nicht in den Ereignissen dieser Nacht oder seiner Trunkenheit allein, sondern in der Summe der jahrelangen Erniedrigung und Ablehnung, die er immer wieder erlebt hat und die sich über lange Zeit in ihm aufgestaut hat.“ Den Blick, den die Amerikaner auf Mexiko haben, bricht Iñárritu durch eine simple, aber wirksame Art, die mexikanische Hochzeitsfeier zu zeigen: „In der amerikanischen Gesellschaft gibt es eine Reihe von Vorurteilen über Mexiko. Deshalb wollte ich das Land mit den Augen der Kinder zeigen, die von Unschuld und Entdeckungsfreude geprägt sind. Was aus bestimmter Perspektive schmutzig, merkwürdig und arm aussieht, kann, durch die Augen von Kindern betrachtet, verspielt, bunt, ungewöhnlich und fröhlich sein“. Iñárritu gibt zu, dass es für ihn eine persönliche Motivation für diese Geschichte gab: „Für mich, der als Immigrant in den USA lebt, gab es keine Wahl, eine Geschichte über diese Grenze zu erzählen. Es war eine moralische Verpflichtung.“ – Doch auch die Szenen in Marokko passen in dieses Raster. Ein einzelner Schuss mitten in der Wüstenei wird ohne irgendwelche Erkenntnisse gleich als terroristischer Akt gewertet und geahndet. Ein Großaufgebot an Polizei findet und verfolgt die beiden Jungen und schießt auf sie. – Der Wahnwitz hatte auch Susan und Richard getroffen. Wenn Susan keine Amerikanerin gewesen wäre, hätte sie vermutlich ärztliche Hilfe bekommen. Die Rolle der Medien ist bei der ganzen Angelegenheit eine sehr fragwürdige. Sie deklarieren den Schuss fälschlicherweise als Raubüberfall, wofür es überhaupt keinen Anhaltspunkt gibt, und dann als Terrorismus. Als Massenkommunikationsmittel versagen die Medien völlig. Sie stiften mehr Verwirrung, als dass sie zur Klärung beitragen.

Der Film zeigt eindrücklich, wie sehr alles miteinander verbunden ist. Er beschreibt den Schmetterlingseffekt, der besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas-Urwald einen Orkan in Europa auslösen kann. Diese Theorie von Edward N. Lorenz wird umgangssprachlich so verwendet, dass in bestimmten Systemen eine kleine Ursache eine sehr große, meist unvorhersehbare Wirkung haben kann. Im Fall von „Babel“ hat ein Schuss in der Wüste Auswirkungen auf Menschen, die rund um den Globus verteilt leben. Was den Film aber so faszinierend macht, ist der Umstand, dass er uns unsere Kreatürlichkeit und unsere Gemeinsamkeiten im Menschsein vor Augen führt. Iñárritu meint: „Jeder von uns hat seine eigene Sprache, doch ich glaube, wir alle teilen denselben spirituellen Ursprung.“


Helga Fitzner - red / 23. Dezember 2006
ID 2873
Babel, USA 2006
Start: 21.12.2006

Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu
Drehbuch: Guillermo Arriaga
Schauspieler: Cate Blanchett (Susan), Brad Pitt (Richard), Adriana Barraza (Amelia), Gael Garcia Bernal (Santiago), Mahima Chaudhry (Sonia Sehgal), Rinko Kikuchi (Chieko), Elle Fanning (Debbie), Nathan Gamble (Mike), Robert Esquivel (Luis), Jamie McBride (Bill), Kôji Yakusho (Yasujiro), Lynsey Beauchamp, Paul Terrell Clayton, Fernandez Mattos Dulce

Weitere Infos siehe auch: http://www.babel-derfilm.de





 

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