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Kultura-Extra, das Online-Magazin
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Feuilleton



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Deutschland 2008

Der Baader-Meinhof-Komplex

Regie: Uli Edel
Drehbuch und Produktion: Bernd Eichinger
Nach dem gleichnamigen Sachbuch von Stefan Aust

Starttermin: 25. September 2008

Als 1985 „Der Baader-Meinhof-Komplex“ veröffentlicht wurde, war das die erste unvoreingenommene und sachliche Aufarbeitung des Terrorismus’ in Deutschland, die ausführlich die Beweggründe der Terroristen berücksichtigte und eine größere Leserschaft erreichte. 1997 wurde das Buch aktualisiert und ist mittlerweile ein Standardwerk über die Geschichte der RAF. Der Autor, Stefan Aust, war lange Jahre Chefredakteur des „Spiegels“ und hatte von 1966 bis 1969 für die Zeitschrift „konkret“ gearbeitet, wo er auch die engagierte Journalistin Ulrike Meinhof und spätere RAF-Mitglieder kennen lernte. Sein Buch ist, neben anderen journalistischen Leistungen, großartig recherchiert. Aust verwendete bis dato unveröffentlichtes Material, wie Mitschnitte von den Prozessen und viele Insiderinformationen.


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So nüchtern wie das Buch ist auch der Film, für den Stefan Aust als Berater zur Verfügung stand. Der Film behält die Sichtweise eines sachlichen Nachrichtenjournalisten bei, der einen inneren Abstand zu den Geschehnissen wahrt. Die bloße Schilderung der Ereignisse ohne Wertung oder Parteinahme ist erschütternd und zeigt, wie aus politisch interessierten und aufmüpfigen Studenten und Studentinnen fanatische Terroristen werden. Die Hauptrollen sind fantastisch besetzt mit Martina Gedeck als Ulrike Meinhof und Moritz Bleibtreu als Andreas Baader. Johanna Wokalek gelingt es, Gudrun Ensslin so darzustellen, dass sie einem Faszination und Entsetzen bereitet. Regisseur Uli Edel hat so oft wie möglich an Originalschauplätzen gedreht. Der Prozess gegen Baader, Meinhof und Ensslin fand im selben Raum in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim statt, wie die reale Gerichtsverhandlung.

Der Hintergrund: Die Bundesrepublik der 60-er Jahre ist vom Schweigen geprägt. Die Kriegsgeneration hat sich Wohlstand und Frieden erarbeitet, die nationalsozialistische Vergangenheit wird verdrängt. Die nachgeborene Generation stellt Fragen, auf die sie selten Antworten erhält. Die Politik schweigt, viele Professoren an den Universitäten schweigen und die Alt-Nazis, die sich in jenen Jahren noch in Amt und Würden befinden, als Lehrende, als Richter, die haben schon gar kein Interesse daran, die alten Geschichten wieder aufzuwärmen. Die Jugend dieser Zeit ist mit dem Stigma des Zweiten Weltkrieges groß geworden und wehrt sich gegen totalitäre Herrschaftssysteme. Die kommunistisch geprägten Studenten verurteilen den Imperialismus der USA und gehen wegen des Vietnamkrieges auf die Straße.


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Als 1967 der Schah von Persien, ein absolutistischer Monarch, auf Staatsbesuch nach Deutschland kommt, protestieren die Studenten lautstark gegen die Menschenrechtsverletzungen in Persien, dem heutigen Iran. Die Brutalität, mit der die Ordnungskräfte gegen die Demonstranten vorgehen, ist völlig überzogen. Es wird auf unbewaffnete Studenten und Frauen rücksichtslos eingeprügelt. Vielleicht wäre danach doch wieder verhältnismäßige Ruhe eingekehrt, wenn da nicht ein Schuss gefallen wäre. Ein Polizist drückt ab und verletzt den Studenten Benno Ohnesorg tödlich. Das ruft entsprechende Gegengewalt hervor. Baader, Ensslin und zwei Mittäter legen kurze Zeit später Brandbomben in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Schon am nächsten Tag werden sie verhaftet. Aber die Studentenrevolte hält an. Als kurze Zeit später ein Attentäter auf den Studentenführer Rudi Dutschke schießt, sehen die nunmehr radikalisierten Studenten darin eine Berechtigung, ja sogar die Notwendigkeit zu gewalttätigen Einsätzen. Sie überfallen den Springer-Verlag, dessen Zeitungen monatelang gegen Dutschke agitiert hatten. Von nun an schaukeln sich die Studentenproteste und die sie verteufelnde Presse und Öffentlichkeit gegenseitig hoch.



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Ensslin und Baader sind ins Ausland geflüchtet, um sich ihrer Haftstrafe für die Kaufhausbrände zu entziehen. Doch ihr Übermut und Baaders Selbstüberschätzung verleiten sie, heimlich nach Berlin zurückzukehren. Baader wird bald darauf verhaftet. In einen Befreiungsversuch wird Ulrike Meinhof mit verstrickt, die schon länger mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader sympathisiert. Dieses Ereignis am 14. Mai 1970 gilt als die Geburtsstunde der RAF – Rote Armee Fraktion. Sie entschließen sich, die Bundesrepublik mit Gewalt zu bekämpfen und lassen sich in einem Lager in Jordanien militärisch ausbilden. Es folgen bewaffnete Banküberfälle, Bombenanschläge, Entführungen und Attentate. 1972 werden sie verhaftet und kommen in das Hochsicherheitsgefängnis in Stammheim. Doch der Terrorismus geht weiter. Es hat sich eine neue Generation von Terroristen gebildet, die sich „Bewegung 2. Juni“ nennt. Der 2. Juni ist der Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. 1976 wird Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. An Selbstmord wollen die Terroristen und Sympathisanten nicht so recht glauben.

Die Geschichte der RAF mündet in den „Deutschen Herbst“. Im Herbst 1977 werden massive Versuche unternommen, die Stammheimer Häftlinge freizupressen, die im Frühjahr zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren. Hanns Martin Schleyer wird entführt. Als sich die Regierung weigert, die Terroristen frei zu lassen, wird die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführt. Der Eliteeinheit GSG 9 gelingt es, die Geiseln zu befreien. Am nächsten Morgen werden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Karl Raspe tot in ihren Zellen aufgefunden. Auch hier herrscht zunächst Verunsicherung, ob es sich um Selbstmord oder Fremdeinwirkung handelt. Zwei Tage später erschießt die RAF den entführten Hanns Martin Schleyer. Damit endet der Film.

Der Film räumt den Verdacht der Fremdeinwirkung beim Tod der Terroristen vollständig aus. Anhand der Dokumente und Aufzeichnungen wird klar: Sie wollten sich mit ihrem Freitod den letzten Rest an Selbstbestimmung bewahren. Ihre Gegner nannten sie „Schweine“ und sprachen ihnen das Recht auf Menschlichkeit ab. So wie auch die sogenannte „normale“ Gesellschaft die einstigen Studenten zu Monstern gemacht und sie auch so behandelt hatte. „Der Baader-Meinhof-Komplex“ konzentriert sich auf die Entwicklung der Terroristen. Die Seite der Opfer und die Nöte der Politiker, deren Entscheidungen und Fehlentscheidungen Menschenleben kosten konnten, wird nur am Rande geschildert. Das hätte den Film, der schon Überlänge hat, auch überfrachtet.

Martina Gedeck, die sich für ihre Rolle sehr stark auf die Persönlichkeit der Ulrike Meinhof einlassen musste, fasst ihre Erfahrungen so zusammen: „ Dieses Unbedingte, dieses ‚Wir müssen bis zum Äußersten kämpfen’, dieses ‚Wir müssen unsere Pflicht tun und für die Gerechtigkeit kämpfen’ ist ein Sendungsbewusstsein bis hin zum Fanatismus. All das hat etwas Hysterisches. Eine hysterische Bewegung, die auf eine noch nicht ganz sattelfeste demokratische Gesellschaft trifft, die ihrerseits hysterisch reagiert. Der bewaffnete Kampf der RAF war etwas, was 40 Jahre früher hätte stattfinden sollen, als Hitler zum Krieg drängte. Damals hätte man sich zur Wehr setzen und bewaffneten Widerstand aufbauen sollen. Aber in den 70-er Jahren war dieses Blutvergießen und Ermorden Unschuldiger nicht nur unangebracht und grausam, sondern auch politisch falsch.“


Helga Fitzner - red / 25. September 2006
ID 4013

Weitere Infos siehe auch: http://www.bmk.film.de




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