Starttermin: 31.08.2006
„Adams Äpfel“
(Dänemark 2005)
Regie und Drehbuch: Anders Thomas Jensen
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Die Grundidee hat es schon in sich. Was ist, wenn „Hitler“ auf „Hiob“ trifft? Wenn – überspitzt formuliert - die ultimative Menschenverachtung auf die ultimative Menschenliebe stößt? Der Neo-Nazi Adam (Ulrich Thomsen) ist als Straftäter zur Resozialisierung zum Dienst an einer evangelischen Kirche verpflichtet worden. Dort trifft er auf den Dorfpfarrer Ivan (Mads Mikkalsen), der wie der biblische Hiob mit einem unerschütterlichen Glauben an Gott und die Menschen ausgestattet ist. Als wenn das nicht schon hassenswert genug wäre, gibt es dort auch noch den arabisch-stämmigen Khalid (Ali Kazim) und den versoffenen Triebtäter Gunnar (Nicolas Bro). So richtig ätzend findet Adam aber den Apfelbaum des Pfarrers. Der ist Ivans ganzer Stolz. Prächtig und prall gefüllt mit Früchten steht der irgendwie für das Erfolgsprinzip des Geistlichen. - Dies sind die Grundvoraussetzungen für eine Filmsatire mit Tiefgang, in der sich Komik und Tragik, Gewalt und Sensibilität miteinander abwechseln.
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Adam geht Ivans Gottvertrauen und seine positive Sicht auf die Dinge mächtig auf die Nerven, aber er merkt, dass sich das Problem nicht mit Unmut oder Gewalt lösen lässt. Je mehr Adam über Ivans Vergangenheit erfährt, desto klarer wird ihm, dass es sich um eine harte Nuss handelt. In seinem aberwitzigen Glauben verschließt Ivan sich den Realitäten, hält jedes Unglück für eine Prüfung, die er frohgesinnt zu bestehen trachtet. Ivans fanatische „Menschenliebe“ trägt terroristische Züge, die auch seine Arbeit nicht immer positiv beeinflusst. Zudem hat seine Frau vor Jahren Selbstmord begangen, weil sie sich mit der Geburt ihres schwerbehinderten Sohnes nicht abfinden konnte. Für den Pfarrer hat sie die Tabletten mit Süßigkeiten verwechselt und sein Sohn ist für ihn ein völlig normales Kind. Nur mit dem Verleugnen der Realität kann Ivan das alles ertragen. Das ist der Punkt, an dem Adam ansetzen will, um den Pfarrer zu vernichten. Er will ihn zwingen, die Existenz des Bösen anzuerkennen, für dessen Ausgeburt Adam sich hält.
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Jeder Straffällige, der zu Ivan zur Resozialisierung kommt, muss sich eine Aufgabe stellen, die er während seines mehrmonatigen Aufenthaltes zu lösen hat. Adam schlägt vor, einen Apfelkuchen mit des Pfarrers Äpfeln zu backen. Ivan lässt sich die Provokation nicht anmerken und geht auf den Vorschlag ein. Adam wird feststellen müssen, dass diese triviale Aufgabe gar nicht so leicht zu lösen ist. Der Apfelbaum ist Symbol für den Krieg, den das Böse dem Guten erklärt hat. Mit der Ankunft des Hitler-Verehrers Adam gehen merkwürdige Veränderungen vor. Der Apfelbaum wird von vielen Plagen heimgesucht. Er wird von Raben überfallen, die die Äpfel fressen. Später machen sich Würmer über die Äpfel her und schließlich schlägt der Blitz ein und der Baum verbrennt. Womit soll Adam nun den Kuchen backen? Zunächst scheint Pfarrer Ivan alle Katastrophen und Gewalttätigkeiten von Adam zu überstehen, wie einst Hiob, der eiserne Gottesstreiter aus dem Alten Testament, der auch nach schwersten Prüfungen sein Gottvertrauen behält.
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Doch dann trifft Ivan ein neuer Schicksalsschlag, der ihn des Lebensmuts beraubt. Alles gerät aus den Fugen. Dann geschieht etwas, was sich wie das Eingreifen der Hand Gottes ausnimmt. Eine böse Tat wird zur Grundvoraussetzung für etwas Gutes... Das ist vielleicht auch die Moral von der Geschichte. Das Gute trägt die Saat die Bösen in sich und im abgrundtiefen Übel liegt der Keim des Heils verborgen.
Der Film ist auch ohne Bibelkenntnisse verständlich, weil Autor und Regisseur Anders Thomas Jensen nicht nur die Bibel, sondern auch die gängige Weltsicht auf den Kopf stellt. Der Neo-Nazi wird stellenweise zum Sympathieträger, weil der fundamentalistische Gegenpol des „Guten“ an Glaubwürdigkeit verliert. Die Polaritäten relativieren sich allmählich, weil Gut und Böse einander bedingen.
Der Film erhielt den Gabriel, einen Preis, den die Kirchenvertreter Dänemarks seit 2003 vergeben. In ihrer Begründung schreibt die Jury: „Ein Neo-Nazi als Medium der Erlösung: dieser Adam, dieser nackte, gefallene Mensch, muss zu seinem eigenen Erstaunen erkennen, dass er nicht imstande gewesen ist, das Gute, das er nicht wollte, abzuwählen, geschweige denn zu verhindern. Der Film ist auch ein nachdenklicher Kommentar zur Rolle des Pastors. Der Pastor ist ein dostojewskischer Narr von der Art, der aus lauter Güte Katastrophen verursachen kann. Eines der provozierendsten Christus-Bilder, die man je gesehen hat – wenn man ihn überhaupt so auffasst. Er WILL wirklich alle lieben, er wird selbst zum Opfer, er überwindet den Tod – geschieht das alles wirklich nur zufällig?“
Dem dänischen Superstar unter den Regisseuren und Autoren Anders Thomas Jensen ist mit „Adams Äpfel“ ein großer Wurf gelungen, an dem die fantastischen Schauspieler in ihren skurrilen und überdrehten Rollen großen Anteil haben.
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Helga Fitzner - red / 10. September 2006 ID 00000002645
Adams Äpfel
Regie: Anders Thomas Jensen
Drehbuch: Anders Thomas Jensen
Schauspieler: Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Paprika Steen, Nicolas Bro, Ole Thestrup, Ali Kazim, Nikolaj Lie Kaas
Weitere Infos siehe auch: http://www.adams-aepfel.de/
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