Wissen Sie vielleicht, wie rotes Bier aussieht? So rot wie das Sparkassenschild am Gebäude gegenüber? Oder rot wie das Blut, das aus dem Fleisch des Fisches lief, als er, eben zur Schlachtbank geführt, in der Filetiermaschine landete, um jüngst nebenan spachtelnden Ehepaaren mit seiner Panade den Gaumen wund zu scheuern?
Wir wissen es nicht. Das Licht in der grüngeflaggten Harpunierkneipe an der Straße ins sächsische Schweizerbad ist zu schwach, als daß wir unsere ganz private Nachtblindheit an Kolorierungen ausprobieren könnten. Black is the colour, sagt da eine Stimme neben mir, die eine schafbespannte Rundtrommel mit dem Löffel in lustigem Rhythmus traktiert, und unweigerlich muß ich an die Haare meiner wahren Liebe denken (welche allerdings, ich geb’s zu, blond sind). Die Erkenntnis kommt mir, während in Wurfweite Gitarrensaiten vibrieren, daß alle große Poesie Wirtshauspoesie ist. Offset gedruckt auf der Schandauer Clandestinenpresse macht sie nicht nur dem Antiquar schöne feuchte Augen. Sie trägt auch dazu bei – und das ist wichtig, zumal an einem bank holiday –, daß das Weltwissen stetig erhöht wird. Hielten sich die Assimilanten und Konvertiten vergangener Zeiten noch etwa auf die europäische Cultur der Stadt Tschernopol zugunsten ihres „halb-asiatischen“ Umfelds einiges zugute, so ist die weltwissenanreichernde Dichtung (und damit ist nur jene in den liederlichen Aborten der Harpunierkneipe gemeint, welche eher dazu neigt, Umweltkatastrophen auszulösen, wo sie sie vermeiden sollte), analog der Weltwirtschaft, immerzu auf Wachstumskurs. Daß dabei, wie die herumstehenden singenden und trinkenden Harpuniere wissen, kein Fischauge trocken bleibt, daß die Kapelle, die es eenfach ni lassen gann, noch zum dritten und vierten Male aufspielt, ist nur eine logische Folge, die sich aus der Anreicherung von Weltwissen ergibt, zu welcher die Wirtshauspoesie ihren immerwährenden Reichstag..., pardon: Beitrag leistet. Dafür gibt es mannigfaltige Beispiele, von denen ich nur eines kurz zitieren will:
I wish he was here that my glass
He might by art replenish
But since he is not why alas
My old song must come to a finish
Because all the drink is gone.
Und so wie es rauchige und weniger rauchige Getreidebranntweine, grobe und weichere Panaden beim Kabeljaufilet oder auch sauren und süßeren Essig für Kartoffeltaschen gibt, so ermöglicht die Wirtshauspoesie sehr viele, zukunftsorientierte Aggregatzustände, die angegrauten Antiquaren und zigarrenrauchenden Schafswollpulloverträgern zum Vorteil gereichen.
Und wieder hebt jemand an, Black is the colour zu sagen. Diesmal ist es das Bierglas neben mir. So ein Glas hat auch so mancher Franzos oder Rezzori schon geleert, denke ich bei mir, und sich der Welt verbunden gefühlt, und vielleicht hat er dann anschließend noch eine maghrebinische Geschichte dazu erzählt. Ich hingegen frage mich, je länger ich hier sitze, ob die Barschaft reichen wird (It’s fifteen shillings for ale and porter, come pay it quickly now and go away!), und lasse das rote Sparkassenschild gegenüber nicht mehr aus den Augen.
Patrick Wilden, 18. März 2006 ID 2296
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