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Man muß eben Abstriche machen. Keine Zigarette kommt mir zwischen die Lippen, und doch qualmt es freundlich um mich herum, in den freundlichen Vormittag hinein. Wir sind alle zusammengesperrt, eingepaßt in eine Richtung, die wir fahrplanmäßig eingeschlagen haben. Noch klingeln die zahllosen Mobiltelefone hoffnungsfroh, es raschelt in den kurz vor knapp erworbenen Zeitungen. Doch wie wir der Zeit entgegenreisen, nach Osten, so dreht sich die Erdkugel aus ihr heraus, der Nacht entgegen. Vom Fleck kommen wir ohnehin nicht, ob im Raucherabteil oder nicht.
Die Zufriedenheit schwindet, sobald der Morgen weicht. Wenn er sich gegen Mittag lehnt, das Hungergefühl erwacht, dann sind wir schon ganz angekommen im Kreislauf des Blutes, im Durchlauf unserer Därme. Auch der Jahreskreis schließt sich, Ende Dezember ist Schluß. Aber wie immer geht es gleich weiter. Keine Verspätung aufs nächste Jahr, allenfalls ein paar Sekunden, aber davon erzählen uns die Astrologen nichts und die Astronomen und Fahrplanberechner allenfalls im nachhinein. Das nächste Jahr. Wir haben den Eindruck, wieder ganz unten angekommen zu sein, am düsteren Pol, und es ist ganz natürlich, daß der Tag nur sieben Stunden mißt und die Nacht siebzehn. Im Osten, im östlichen Teil der Zeitzone, in der ich lebe, geht die Sonne sogar noch ein Weilchen früher unter. Wenn man am düsteren Pol des Jahres angekommen ist, kann man den Unterschied zwischen Brest und Brest (Brzeszcz) vielleicht am besten erfassen. Vorausgesetzt, man kennt die beiden Städte, zumindest von Landkarten.
Die Sonne scheint und schickt ihre Strahlen gedankenverloren durch die milchigen Rauchsäulen des Raucherabteils. Ein Berg zieht vorbei, Frost liegt wie alter Staub auf dem kahlen Wald: der Ettersberg. Mir fällt ein, daß ich diesen Berg einmal im Winter besucht habe, kurz nach der Wintersonnenwende. Das neue Jahr war gerade in Kraft. Jetzt stoppt der Zug zweimal kurz hintereinander, läßt die bereits von diesem Morgen verbrauchten Menschen in Erfurt und Weimar hinaus in den Nebel und andere hinein in unseren Zivilisationsqualm. Den kurzen Anflug von Düsternis haben wir gar nicht gemerkt in der abklingenden Besinnlichkeit unseres Zugabteils.
Wenn ich nicht in diesen Rauch, in diese Richtung gezwängt wäre, würde ich mich nun vielleicht richtig frei fühlen. Aber in meinem gepolsterten, schlingernden Käfig denke ich doch wieder nur über die anderen nach, die mit mir zwischen Brest und Brest am düsteren Pol des Jahres leben, ihre Arbeit machen und ihre vielen Interessen ausleben. Denke an ihre Süchte und Selbstsüchte, lausche auf das Geräusch der Mobiltelefone, eine Polyphonie aus lauter kindischen Melodiefragmenten, die von abgehackten Stimmen und manchmal von einem gelösten Lachen unterbrochen werden. Denke über unsere Richtung nach – Osten, Weihnachten entgegen, mit den Drei Königen eine alberne Geschenkschlacht zu schlagen.
Die Weingärten im Saaletal, die wir durchfahren, liegen braun und abgeerntet in der Landschaft. Es ist noch nicht lange her, da hingen sie voller Beeren, und ich fuhr mit dem Zug in entgegengesetzter Richtung durch sie hindurch. Damals saß ich nicht in einem Raucherabteil, und die Sonne wurde auch nicht vom eisigen Dunst der Niederung ausgesperrt. Ich habe keinen Anlaß gesehen, mich mit Rauchsäulen und Handygeklingel und der dunkel leuchtenden Sonnenwende zu befassen, die wir gerade umschiffen: der Zug als Liniendampfer am Kap der Guten Hoffnung, in dem Moment, wenn er vom Atlantik in den Indischen Ozean einfährt.
Ob das die Freiheit ist, immer eine Richtung einschlagen zu können?


Patrick Wilden, 14. Dezember 2004
ID 1480






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