Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!




KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Oh baby, es tut, nach so vielen durchfrorenen Monden, gut, wieder in der Stadt zu sein. Die Rockies sind tückisch in dieser Jahreszeit. Die Grizzlybären erwachen aus dem Winterschlaf und schleichen ums Haus, weil sie unsere abgeknabberten Rentierknochen wittern. Zwar hatten wir viel Holz geschlagen, bevor der erste Schnee fiel. Aber zum Schluß war kaum noch etwas da, mit dem wir die gefrorenen Tütensuppen vom Dachboden garen konnten.
Fünf dunkle Monate liegen hinter mir, baby, in denen mein einziger Kontakt mit der Welt in der Lektüre von Zeitungsfetzen bestand, mit denen ich mir kurz darauf den Hintern abwischte. Nicht daß du denkst, wir hätten je einen Austräger da oben zu Gesicht bekommen. Alwy fand in einer Kammer ein paar Meter Zeitung, die er ins Toilettenhäuschen schaffte. „Gartenlaube“ hieß das Zeug, es hatte das richtige Format und vor allem den Vorteil, daß wir uns jedesmal, wenn wir uns im saukalten Lokus einsperrten, vorstellten, wie wir uns kopfüber in lauwarme Vorgartenteiche stürzen.
Mit den Ledereinbänden konnten wir außerdem die größten Löcher in unseren Winterfellen ausbessern. Es gibt nichts Schlimmeres, baby, als wenn du unversehens in einen alten Silberstollen einbrichst, weil der Schachteingang vom Schnee zugeweht ist, und die Kälte durch die löchrigen Klamotten in dich dringt. Der arme Wilfred wurde vor unserer Hütte von einer Dachlawine verschüttet. Wir gruben einen geschlagenen gottverdammten Tag und konnten doch nichts mehr für ihn tun.
Was soll ich in der Stadt, baby, kannst du es mir sagen? Seit die Schneeschmelze begonnen hat, ist nichts mehr, wie es war. Alwy, Bertie und Hobo sind, sobald sie des Bahnhofs ansichtig wurden, auf den nächstbesten fahrenden Zug gesprungen. Um die Exequien für den armen Wilfred mußte ich mich ganz alleine kümmern. Außer dem Pastor, dem Totengräber und mir stand nur die Gazelle mit am Grab, die ich mir bei der Ankunft in der Stadt gemietet hatte. Den Boden mußten sie aufsprengen, da er noch gefroren war. Dabei hat der Totengräber ein paar Gramm Silber gefunden. Aus dem Begräbnis wurde dann nichts, weil der Pastor und der Totengräber völlig ausgerastet sind.
Für Männer, die aus den Wäldern kommen, ist die Stadt nichts, baby, das kann ich dir sagen. Ich bin anschließend in eine der Kneipen gegangen. Dort saßen sie inmitten von Rauch und Schweiß, tranken und spielten Siebzehnundvier, derweil sie aufs Hochwasser warteten. Ich stellte mich an einen der Stehtische, ließ mir ein Käsefondue bringen und blätterte in einer „Gartenlaube“, die ich noch in meiner Satteltasche gefunden hatte. Von meinem letzten Geld kaufte ich Kippen.
Als ich zu meiner Gazelle zurückkam, stellte ich fest, daß sie in eine Scherbe getreten und zu nichts mehr zu gebrauchen war. So werde ich wenigstens für die nächsten Tage frisches Fleisch haben.
Das Wasser steigt, baby.



vor dem hochwasser (c) pw 2005




Patrick Wilden, 15. März 2005
ID 1723






EXTRA Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

INTERVIEWS

THEMEN

U 10
Reihe von Arnd Moritz


Home     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Kulturtermine eintragen

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 2000-2013 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de