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Patrick Wildens jour fixe



Es ist ja nicht erst seit gestern bekannt, daß Breslau heute Wroclaw heißt, mit W und C und diesem schicken durchgestrichenen L, das das korrekte Schreiben über das polnische Breslau auf den ganz normal einfältigen deutschen Internetseiten quasi unmöglich macht. Da sich das heutige Breslau noch immer hinter dieser hartleibigen Orthographie zu verstecken scheint, kurz einige Fakten. Die Hauptstadt Schlesiens hat bei etwas über null Komma sechs Millionen Einwohnern gut hunderttausend Studenten – das muß man sich mal vorstellen! (Ich hoffe natürlich, der Reiseprospekt spricht die Wahrheit.) Und die treiben sich zum großen Teil in der aus Ruinen auferstandenen, fein restaurierten Innenstadt herum. Freilich muß man, um die auf diesen Umstand zurückzuführenden, unendlich zahlreichen Buchhandlungen wirklich voll ausnutzen zu können, ein paar Worte Polnisch sprechen. Dafür kommt man in den ebenfalls unendlich zahlreichen Gaststätten der Altstadt sehr gut mit stark palatalisiertem Englisch, bisweilen auch mit Deutsch zurecht. Was man der zuletzt als preußische Provinzhauptstadt firmierenden Odermetropole allerdings nicht so ganz abnimmt, ist ihr – sprichwörtlich polnischer – Katholizismus. Da gibt es natürlich dieses wunderschöne, hochbarocke ehemalige Jesuitenkolleg, heute das Hauptgebäude der Universität – wer hätte da nicht gerne studiert? Aber die großen gestrengen Backsteinkirchen sehen eher so aus, als wäre der reformatorische Bildersturm noch nicht lange vorbei. Wieso wäre auch sonst einer auf die Idee gekommen, Weihwasserbehälter aus Plastik im Eingangsbereich aufzustellen? Aber das nur nebenbei. Die andere Mitteilung ist nämlich die: Wie meine Tageszeitung gestern meldete, ist Ray Evans vergangene Woche 92jährig verstorben. „Er war der erfolgreichste Songschreiber der Musik- und Filmgeschichte“, heißt es da. Nu freilich, warum auch nicht? Einer seiner bekanntesten Songs, wie die Zeitung sogleich in Erinnerung rief, war „Whatever Will Be Will Be (Que sera sera)“, diese unglaubliche Schnulze, die Doris Day einen ganzen Hitchcockfilm lang an der Seite des „Mannes, der zuviel wußte“ alias James Stewart bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor sich hinträllert. Wer’s einmal gesehen (und gehört) hat, wird es nimmermehr vergessen. Aber was hat das nun mit Breslau bzw. Wroclaw zu tun? Ganz einfach: das letzte Mal hörte ich diesen Song als Teil einer perfekten, auf „Random“ gestellten Berieselungs-CD in einem eigentümlichen Gebäude, das auf der Breslauer Dominsel steht. Als ich in das Gebäude betrat, wußte ich freilich noch nicht, was es mit ihm auf sich hat. Ein völlig überflüssiger Portier hieß mich in beredtem Englisch willkommen und fragte nach meinem Begehr. Bei näherem Hinsehen schien es sich um ein sich fein wähnendes Hotelgebäude zu handeln, mit interessanten Dienstleistungsangeboten wie etwa einem eigenen Postamt. Wenig später saß ich, einem dringenden Bedürfnis gehorchend, im Café und rührte, in eine Lektüre vertieft, in einem bitteren Milchkaffee – da erklang Ray Evans’ Hit. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich das erstaunlich lange ausgehalten, ich glaube, ich habe sogar einen zweiten Milchkaffee bestellt, und Doris Day hat auch nicht nur einmal gesungen. Als ich wieder draußen war, stellte ich fest, daß das Gebäude Johannes Paul II. geweiht war. Gott hab’ ihn selig.

Patrick Wilden, 20. Februar 2007
ID 00000002996




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