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Der Fernsehturm leuchtet rot über dem dunklen Hang und sieht aus wie eine zum Start bereite Rakete. Ein schmaler Donner läßt sich von irgendwoher, zwischen dem Wind hindurch, hören und gemahnt daran, daß die Zündung jederzeit stattfinden kann. Ich bin der festen Überzeugung: einmal wache ich morgens auf, blicke über die dunklen Dächer des Stadtteils, auf denen ein kleiner Regen liegt, auf den Hang – und er ist fort. Vielleicht muß ich deshalb immer wieder nach ihm sehen, vom Schreibtisch aus durch das Gestrüpp der Zimmerpflanzen, die das Fenster verdecken; vom Arbeitnehmersofaplatz vor dem Fernseher aus, in plötzlichen leeren Momenten, wenn der Berieselungsfaktor sinkt – ein kurzer Seitenblick bringt Beruhigung. Das im Hause liegende Kabel macht den Turm allerdings fast überflüssig, die Kiste flimmert auch so. Doch der Turm ist ja ganz eigentlich auch die Rakete, die jeden Moment starten kann. Seit einigen Wochen verstecken sich verstärkt Blitze in seiner Umgebung, fast läßt sich ein Hexentanzplatz vermuten. Doch die einzigen, die sich je zu etwas ähnlichem dort oben, im Schatten eines jener Leuchttürme des Ostens, versammelt haben, waren, alle Jahre wieder, ein paar Neonazis. Ansonsten nur Wanderer auf dem Malerweg, Neusiedler, denen die Stadt zu laut ist, und ein paar Mitglieder des Freundeskreises, der das alte, sich um die eigene Achse drehende Restaurant wiederbeleben möchte. Ja, seit seiner Erbauung schon ist die Raumfahrt, die von dem Turm ausgeht, bemannt. Ich weiß von Künstlern, die, von ganz oben beauftragt, im Steindruck Mappenwerke schufen, auf denen die einzelnen Bauphasen deutlich sichtbar gemacht werden. Das letzte Bild zeigt den schlanken, nur mittig durch die Sendeanlagen und das mit bräunlichen Fensterscheiben verspiegelte Restaurant etwas verdickten Stiel, ein zu Füßen des Hanges idyllisch gelegenes Fachwerkdörfchen überragend. Von Brennstufen oder Düsen ist nichts zu sehen, doch sicherlich sind die Bilder zensiert und retouchiert worden. Ein verstecktes Raumschiff, das im Ernstfall die finale Flucht der herrschenden Klasse ermöglicht – es muß da irgendwo drin sein. Schon mit seinen roten Lichtpunkten sendet der Turm deutliche Signale an die übrige Flugwelt aus. Die Funk- und Fernsehwellen einer ganzen Stadt, eines ganzen Großraums hören nur auf sein Kommando. Es gab Zeiten, in denen ging von dem durch den Turm Gesendeten die Ahnungslosigkeit aus, für die die Stadt und das ganze Tal bekannt waren. Im Prinzip hat sich daran wenig geändert, nur daß die Ahnungslosigkeit inzwischen mit 35 Programmen ausgestreut wird. Aber das ist nur ein Trick. Ganz eigentlich ist das Medium der Abstumpfung das Medium des Entkommens. Der Donner ist inzwischen nicht mehr zu hören, doch der Start ist nur aufgeschoben – um ein paar Tage, ein paar Wochen, wer weiß das schon?
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Patrick Wilden, 22. August 2007 ID 3408
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