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Als die Ouvertüre und der erste kleine Applaus verklungen waren, als der junge russische Dirigent mit dem funkelnden Charme eines rumänischen Fürsten seine dunkle Künstlermähne zu ersten Verbeugungen hatte wehen lassen, sollte eigentlich das Klavierkonzert kommen – und mit ihm die extra eingeflogene, weltbekannte französische Pianistin. Aber sie kam nicht. Die Minuten vergingen, zwischen den Glaswänden der VW-Manufaktur wurden die getuschelten Satzfragmente des betuchten Publikums lauter, der Ministerpräsident geriet ins Schwitzen, ja, selbst die Orchestermusiker reckten die Hälse. Und der aparte junge Dirigent eilte die Himmelsleiter hinauf in Richtung der undurchsichtig ineinander geschachtelten Gebäudeteile, aus denen die Solistin kommen sollte. Vergeblich. Auf den Plätzen neben mir entspann sich folgendes Gespräch:
„Komm, wir gehen.“
„Wir können nicht.“
„Warum?“
„Wir warten.“
„Auf wen?“
„G...“
„Ah stimmt.“
Kann man es sich leisten, vorzeitig zu gehen, wenn man das Warten satt hat? Mir fallen zwei Situationen im Leben des Menschen ein, in denen das nicht möglich ist – Weihnachten und Schwangerschaft. Drei Tage vor Weihnachten zu sagen: „Jetzt hab ich aber genug von diesem Advent, den Erzgebirgsengeln und Lebkuchentüten, den Weihnachtsshantys, Glühwein- und Einkaufsräuschen – komm, wir gehen!“, ist allenfalls als rhetorische Formel zu verstehen. Ähnlich sind die Dinge gelagert bei der Erwartung eines Kindes. Da kann man auch nicht so mir nichts dir nichts ausscheren und, sagen wir, nach Ablauf der Frist, wenn sich noch nichts gerührt hat, schulterzuckend sagen: „Dann eben nicht“, und zur Tagesordnung übergehen. Wenn die Ärzte die Geduld verlieren, dann setzen sie höchstens mal das Skalpell an und ersparen dem Kind den Geburtskanal. Aber kein Leben ohne Geburt – das war ja sogar beim Christkind so, und daher ist für alle Eltern am Tage der Geburt ihres Friedrich Augusts oder ihrer Amalie Elisabeth Weihnachten.
Und was, wenn einem doch der Geduldsfaden reißt? Nun, dann können sich Szenarien ergeben wie das folgende. Da hatte die Hausverwaltung eines Freundes die tolle Idee, in dem Berliner Mietshaus, in dem er lebt, die Keller neu zu verteilen. Da jedoch keiner der Besitzer mehr einen Plan hatte, welcher Keller seinem Eigentum zugeordnet war, und die meisten keine Lust verspürten, abzuwarten und in einem langwierigen Prozeß die Nutzer der Keller zu finden, legten sie Hand an: dem besagten Freund wurde quasi ohne Vorwarnung der Keller aufgebrochen, seine eingelagerten Habe, in der Hauptsache Bücher, wurden von einer Entsorgungsfirma abgeholt und auf den Müll verfrachtet. Wer braucht schon Bücher? Dumm nur, daß es zum Teil signierte Erstausgaben im Wert von mehreren tausend Euro waren...
Also Geduld. Der richtige Mieter wird gefunden werden, man muß es nur klug anstellen. Weihnachten geht vorbei, und schon kurze Zeit später weinen wir den fehlenden Wohlgerüchen und der jedes Jahr aufs neue abhanden gekommenen Glitzerwelt nach. Und auch die Kinder kommen schon irgendwann zur Welt – auch wenn dann Jahre später die Mädchen wasserstoffblond und die Jungs in Lonsdale-Kapuzenshirts durch die Straßen stolzieren.
Schließlich ist neulich ja auch die Pianistin endlich von ihrem Olymp aus Stahl und Glas herabgestiegen und hat ihr Konzert gespielt. Und es war himmlisch – fast wie Weihnachten.


Patrick Wilden, 21. Dezember 2006
ID 2866






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