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Nicht die klirrenden und schweratmenden Sätze sind ja die gefährlichen. Die einschläfernden, plattgeschlagenen, bis auf die Knochen abgenutzten, die herrischen und die schmeichelnden sind es, die Lug und Trug betreiben, also Mord und Totschlag.
Christa Wolf

Was so in den Regalen lagert. Von der einen Autorin zum Beispiel sind es bestimmt zehn Bände - die Leute, stupsnasig, eulenäugig, oft ein bißchen breiig, gehen daran vorbei. Oder sie wühlen darin. Wie viele Bücher mit harzigen Einbänden lagen schon neben den Regalen, stapelten sich auf Boden und Ablage, so daß ein bloßer Luftzug den Turm umwarf, nachdem einer von ihnen im Regal gewütet hatte. Achtlos. Kein Wort rinnt aus ihren Mündern, allenfalls ein Hüsteln oder Grummeln, gelegentlich auch ein Grunzen, wenn sie fündig geworden sind. Mit einem Dinner-for-One-Schritt, in die Fibeln vertieft, die sie gefunden, in ihre Broschüren verwoben, in die baldigen Neuerwerbungen vernarrt, treten sie aus dem Chaos und eilen zur Kasse. Seufzend und gebückt haben wir dann zurückgestellt, was so herumlag.
Die Bücher sind oft gewichtig, aber nicht unbedingt weil sie wichtig sind. Kürzlich war ein Männlein da, das ließ sich ein Buch zeigen einzig allein wegen seines Einbandes. Es war ein riesiges altes, respekteinflößendes Buch, and dear it would cost his purse. Aber der Umschlag war ihm zu fad. So ging das Männlein wieder hinaus.
Über all das machen wir wenig Worte. Oder wir lächeln in uns hinein, weil wir die Hilflosigkeit des Menschenmaterials erahnen. Gefährliche Wörter halten in unsere kurzen Repliken überhaupt keinen Einzug, schließlich wollen wir niemanden verschrecken. Deshalb lesen wir auch niemals eines der Bücher aus unseren Regalen. Als gehörten sie einer anderen Welt an, in die wir nicht eindringen dürfen, weil wir uns nur verirren würden. So wissen wir nichts und wissen doch alles.
"Ja wer kann denn das alles lesen?" fragen die Leute manchmal, wenn sie all die Bücher sehen. Und wir lächeln wieder und geben eine zarte, hosenträgerförmige Auskunft. Sagen nicht zu viel, nicht zu wenig, sagen immer nur ein bißchen. ‚Je weniger wir darin lesen, desto besser können wir uns davon trennen.' Ob sie das Klirren in unseren Sätzen hören können?
Aber manchmal blättern wir doch in einem unserer Bücher. Und gleich zerrt es an uns, und wir raufen uns die schütter gewordenen Haare. Die eine Autorin zum Beispiel hat, es ist schon so fünfundzwanzig Jahre her, geschrieben: "Die unausgesprochenen Sätze sind die, nach denen nicht dringlich genug gefragt wird." Sie hat zu ihrer Zeit gewußt, daß das Gelände vermint war, und ihre Frage als Aussage deklariert. Sofort spekulieren wir über die Aktualität ihrer Worte, nur daß wir es niemandem ins Gesicht sagen dürfen, denn wir haben ein händlerisches Gelübde abgelegt.
Trauer legt sich dann in unseren Blick. Die ironische Leichtfertigkeit, mit der wir das tägliche Kommen und Gehen beobachten, ist dahin. Die Minen von damals sind, wenn wir auch in anderen Zeiten leben, nicht weniger geworden. Was für ein Glück nur, daß Bücher in der staubigen Behaglichkeit der Regale nicht explodieren können.


Patrick Wilden, 18. Oktober 2004
ID 1306






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