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Es war so ziemlich die übelste Zeit des Jahres, die sich Timothy Laubegast ausgesucht hatte, um zu türmen. Am Silvesterabend hatte er es nach zweiundzwanzigjähriger Kleinarbeit endlich geschafft, den letzten der drei Gitterstäbe seiner Zelle mit der Nagelfeile durchzusägen, und war im allgemeinen Feuerwerksfieber kurzentschlossen in den Burggraben gesprungen. Nun irrte er schon den zweiten Tag hungrig und frierend über matschige Wildpfade und wenig befahrene Fernverkehrsstraßen quer durch den verschneiten Wald. Sein Trost war, daß die Spürhunde des Gefängnispersonals seine Spur auf dem gesalzenen Asphalt nicht weiterverfolgen konnten. Die Menschen, denen er begegnete, als er sich dem Weichbild einer Großstadt näherte, waren in der Regel betrunken und hielten ihn für einen Landstreicher. Im Überschwang der Neujahrsfreude warfen sie ihm ein paar Geldmünzen, Zigaretten und kleine Zwiebäcke zu, die er hastig an sich riß, da ihn stets die Sorge trieb, daß die Häscher seine Fährte in der frischverschneiten Landschaft wieder aufnehmen könnten. In der Stadt hoffte er, endlich eine laundrette zu finden, in der er seine schmutzigen und völlig durchnäßten Sträflingsklamotten reinigen, sich in der Zwischenzeit einen starken schwarzen Kaffee aus dem Automaten lassen, dazu eine Zigarette anstecken und ein Stück Zwieback abbeißen konnte. Doch wie groß war seine Enttäuschung, als er die Stadt betrat. Kahle, langgezogene und unebene Straßen wurden gesäumt von achtstöckigen, kasernenartigen Häuserfronten, aus denen hier und da der fahle Schein von Neonröhren flackerte. Es war bereits dunkel, und der Schein der matten Straßenlaternen lag wie ein zusätzlicher Eishauch über der verlassenen Stadt. Einige wenige Autos humpelten mit stotternden Motoren vorüber, und nirgends gab es einen Hinweis auf Geschäfte oder andere Schnittstellen des Soziallebens. Einzig die Spuren im Schnee deuteten darauf hin, daß die Stadt bewohnt war.
‚Welch zutiefst menschlicher Zug‘, dachte Timothy Laubegast leicht gerührt, als er, so ziemlich am Ende seiner Kräfte, einen der schnurgeraden, leeren Boulevards entlang schlich, und er mußte trotz seiner Erschöpfung ein wenig in sich hineinschmunzeln. ‚Erst bauen sie die Straßen wie mit dem Lineal gezogen, und dann laufen sie im Zickzack darüber. Noch nie hat ein Bauzeichner die schnellste Abkürzung realisiert. So hat doch alles sein Gutes, denn wäre Sommer, hätte ich dies nie bemerken können. Über Schnee ist eben alles anders.‘
An einem düsteren Gebäude, das, anders als die übrigen, zahllose Türmchen, Erkerchen und Nischen besaß, rollte er sich schließlich in einer Ecke zusammen, um sich von seiner entbehrungsreichen Flucht ins neue Jahr ein wenig auszuruhen. Doch als nach ein paar Stunden die Nacht wieder jenem nebligen Zwielicht Platz gemacht hatte, welches man im Winter gelegentlich „Tag“ nennt, war Timothy Laubegasts Körper bereits vollständig gefroren. So konnte er gar nicht mehr die doch ein wenig überraschende Entdeckung machen, daß das Gebäude, bei dem er instinktiv Schutz gesucht hatte, das örtliche Polizeipräsidium war. Ein Amtsdiener hatte eben Timothy Laubegasts Steckbrief ans schwarze Brett gehängt und war nun unterwegs, um für sich und seine dreiundzwanzig Kollegen in der Amtsstube Kaffee zu kochen.
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Patrick Wilden, 3. Januar 2006 ID 2188
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