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In der Früh ist die Straße noch nicht so befahren. Es ist eine breite Straße, die gelegentlich ihren Verlauf ändert. Einige Jahrzehnte nach seinem Tod hat dort König Johann Häuser abreißen lassen und seinen Namen und Titel für die Schneise gespendet. Alte Fotografien bescheinigen dem stark ornamentierten Durchlaß zu einem nahegelegenen, noch ornamentaleren Platz eine gewisse Enge, durch die trotz alledem die Straßenbahn rollte. Kein Wunder also, daß irgendwann anglo- (und etwa nicht latein-) amerikanische Städteplaner im Marschallsrang auf den Plan traten und einen für die Stadt an Menschen- und Bausubstanz verlustreichen Kahlschlag fabrizierten. Später planierten die Kommunisten alles und errichteten weit auseinanderliegende Schaufassaden, zwischen denen dann jährlich mehrmals von Blauhemden, die ihre weißen Zähne bleckten und rote Fahnen schwenkten, der große Ernst Thälmann zu Grabe getragen wurde. Seinem im Straßennamen wiederkehrenden Angedenken widmete man reich bebilderte, auf bräunliches Papier gedruckte Kinderbücher, die von einem an einer der Straßenecken gelegenen Geschäft für Gebrauchtbücher feilgeboten wurden. In neuerer Zeit benannte man die Straße nach einem nur im engeren geographischen Kontext geläufigen, ansonsten weithin unbekannten Ort, der erstaunlicherweise sowohl zur Dimitroff-Brücke, über die schon August der Starke auf Brautschau immer geritten war („Die mit ’roff!“), wie auch zur lothringischen Gemeinde Grosbliederstroff, Dép. Moselle, in lautlicher Verwandtschaft steht. Inzwischen schlängelt sich die Straße wie ein Fluß durch ihr breites Bett. Jüngst hat man begonnen, einen erklecklichen Teil des kommunalen Steueraufkommens darauf zu verwenden, auf einem Stück der Straße Ausgrabungen zu machen. Niemand vermag genau zu sagen, was man hofft, dort unten, im längst versunkenen Urgrund der Stadt zu finden, doch soll die Grube anschließend mit Beton verfüllt werden, und man muß dafür Parkscheine lösen. Der Verkehrsfluß wurde eigens umgeleitet, damit keines der zahlreich vorüberrauschenden Fahrzeuge, der Kutschen, Busse, Taxis, Krankenwagen, Fahr- und Motorräder in den Abgrund stürzt. An warmen Tagen strömen Menschmassen an den Schaufassaden längs und wühlen inmitten von allmählich grünenden Erdhaufen und Autoabgasen verzückt in den Auslagen eines an einer Straßenecke gelegenen Geschäfts für Gebrauchtbücher. Sie sind so fasziniert von der Szenerie, dem im Frühlingssonnenlicht gleißenenden Straßenmäander, den feschen Kipperfahrern und muskulösen Baggerführern, daß sie stundenlang an der einzigen Behelfsfußgängerampel stehen und gaffen, bis sich endlich einer erbarmt und das Knöpfchen drückt, auf daß es Grün werde. Oder erwarten sie etwa, einen neuen Kasimir Blaumilch mit geschultertem Preßlufthammer um die Ecke biegen zu sehen, der die Kanalisierung voranschreiten läßt? Ein neuerlicher Namenswechsel kündigt sich an, die Eingabe wird schon bearbeitet.


Patrick Wilden, 26. April 2008
ID 3811






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