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Inzwischen ist mir die Sonnenbrille zu dunkel geworden, weil auch an sonnigen Tagen die Schatten einfach schon zu schwarz sind. Das Jahr neigt sich, man hat ganz automatisch das stundenlange nachmittägliche Teeschlürfen wiederaufgenommen, und ansonsten ist Reisezeit. Der Städteparcours, den ich in den letzten drei Wochen absolviert habe, kommt mir vor wie eine Impressionenreise in den Herbst hinein – und in eine immer fernere Vergangenheit. Dabei begann meine Rundfahrt in lichtem zeitgenössischem Betonambiente am neuen Bahnhof Südkreuz in Berlin. Es ist schon verrückt, wie kunstvoll man heute riesige Mengen Zement zu Trassen und Gebäuden formen und trotzdem eine Art von Leichtigkeit erzeugen kann. Doch als ich ein paar Stunden später mit der Hochbahn durch Hamburg zuckelte, fragte ich mich auf einmal, was wir an unseren häßlichen 50er-Jahre-Innenstädten, den eilig hochgezogenen Kaufhausstraßen mit ihren schmuddelig-billigen Fassaden finden, vor deren dysfunktionalen Leuchtreklamen man noch nicht einmal abends sicher ist. Während eines Zwischenstops in Bremen bewunderte ich – neben der Stadtautobahn, die mitten zwischen den Plattenbauten am Hauptbahnhof durchschwebt – die Enge dieser Plastikinnenstadt. Einzig der Roland schien sich dasselbe zu fragen wie ich, ein altmodischer Zeitgenosse, der da, ein Schwert und einen Schild mit dem doppelköpfigen Reichsadler haltend, vor dem Karstadt stand. Ich verharrte nur kurz bei der Figur, da fragten Schulkinder mich schon, ob ich nicht finde, daß der Mann lächele. Auch Zynismus läßt einen die Mundwinkel nach oben ziehen, darum bejahte ich. Stunden danach eilte ich durch Münster, und die Klinkerfronten der Stadt versöhnten mich wieder ein wenig mit meiner Umgebung. Dafür habe ich mich ein paar Tage später – wie auch schon in den vergangenen Jahren des öfteren – gefragt, wie wir, sagen wir, ethisch auch heute noch die Existenz der Innenstadt von Kassel rechtfertigen können. Nur das bald darauf servierte Schnitzel bewahrte mich vor verfrühten Herbstdepressionen, denn mit gefülltem Magen schaut man ja bekanntlich nicht so genau hin. Der nächste Eindruck, der haften geblieben ist, ist der einer engen, ganz und gar aufs Fressen ausgerichteten Gasse in der verregneten Innenstadt von Wiesbaden. Es war kühl, aber man kann sich dort bei jedem Wetter hindurchzwängen, da die Thermostate der Radiatoren alle Kältegrade regulieren, und außerdem erzeugt der Schweiß der aggressiv ihre Pasta Verspeisenden zusätzliche menschliche Wärme. Zum Zentrum der Mainstadt Frankfurt, wo ich am folgenden Abend lange nach einer Pizzeria suchte, ist ja bereits alles Wesentliche gesagt worden. Stadtästheten laufen dort bekanntlich auch nach Einbruch der Dunkelheit mit Sonnenbrille durch die Gegend. Wieder eine Woche später kam ich nach Bonn. Manche sagen, diese Hauptstadt ohne Land sei über all das eben Beschriebene erhaben, doch selbst hier erlebte ich Viadukte von beeindruckender Fadheit. Und Mainz, wo ich kurz aus dem Zug stieg, um Kontoauszüge zu ziehen? Siehe oben. – Inzwischen bin ich heimgekehrt, die Sonnenbrille liegt endgültig in der Schublade, ich bin gewappnet für die düstere Jahreszeit – denn bei uns im Osten sind die Dinge noch in Ordnung. Ja, mit einiger Emphase kann ich sagen: Hier wohnt die Zukunft. Hier baut man die sehenswertesten Innenstädte eben schlicht wieder auf, wenn sie nicht mehr existieren. Hier konstruiert man die neuesten Brücken nur in den schönsten Tälern, damit alle etwas davon haben. Hier gibt es die hübschesten und plüschigsten Kaffeehäuser, in denen man mühelos überwintern kann, und aus den Lautsprechern quillt dazu der stete, alles besänftigende Klang von Radio Sachsen.
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Orlando di Brema - ob er sich irgendwann beim benachbarten Großkaufhaus neu einkleiden wird?
(Foto: P.W. 2006)
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Patrick Wilden, 17. Oktober 2006 ID 00000002738
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