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Patrick Wildens jour fixe



Wie langweilig ist doch das Fahren im Untergrund – das ist in allen größeren Städten so, auch in der, die ich neulich besuchte. Zunächst mal gibt es kein Licht, und das Licht, das es gibt, ist künstlich, also unecht und damit unbrauchbar. Der Untergrund ist eine langweilige Welt, wo – das kann ich mit Sicherheit sagen – keine Seelen im Feuer schmoren, wo auch keine mythischen Flüsse überquert werden sollen und erst recht kein schaurig finsterer König sein Zepter erhebt. Im Untergrund fahren nur, nach einem kaum zu ergründenden Fahrplan, Bahnen wie langgestreckte, ältliche Wohnzimmer, die alle paar Meter an einem beleuchteten Hausflur vorbeikommen und mit den Türen klappen. Die Menschen, die in diesen kurzen Momenten ein- und ausströmen, die im Untergrund zirkulieren wie die föhnig-schwüle Luft, tragen ebenfalls weder Leichenbittermienen zur Schau noch transportieren sie mit rebellischem Geist Bomben in ihren Aktenköfferchen, um sie, sobald sie das Tageslicht erblicken, auf die Besatzer zu schmeißen. Die Menschen da unten wollen entweder zur Arbeit oder sie wollen nach Haus. Dazwischen liegen die Tunnel, von denen sie zwar alles wissen, die sie aber nicht kennen, weil sie meistens auf ihre Zeitungen oder Brötchentüten blicken. Das alles lebt nur, weil es in Bewegung ist, weil sich die Uhren drehen und der Zeit ein Gesicht geben, nach der auch der Untergrund tickt. Da gab es natürlich auch Zeiten, in denen Menschen mit Nagelstiefeln sich um steinerne Baldachine mit Figuren von Feldherren scharten, im Schatten von Klosterkirchen und residentiellen Gebäudekomplexen. Und sie brachten die Röhren des Untergrunds, über denen sie stampften und lärmten und Bewegung um Bewegung formten, in starke Schwingungen, so daß es eine Zeitlang nicht feststand, ob die Fortbewegung auch auf längere Sicht hin gesichert sein würde. Damit die Leute ihren Spaß daran nicht verlören, nannte man die Stadt für ein Weilchen „Stadt der Bewegung“, was zwar niemanden so recht beeindruckte, aber vielleicht fuhren die Menschen in dieser Zeit mit größerem Bewußtsein U-Bahn, ohne daß – und das ist vielleicht nicht unwichtig – ohne daß sie jedoch den Eindruck verspürten, sich im Untergrund zu befinden. Von dieser Zeit ist wenig geblieben, und aus der Stadt der Bewegung ist eine Stadt der Fortbewegung geworden, wie es unzählige gibt. Menschen aller Farben und Zungenschläge drücken sich auf den Bahnsteigen aneinander vorbei und ärgern sich, wenn die Bahnen nicht zügig rollen. Menschen mit Theaterkostümen und Menschen mit Sonnenbrillen, die sich aus einer klebrigen US-Fernsehserie in den U-Bahn-Schacht verloren zu haben scheinen. Oder sollten sie gar in dieser Stadt schon mit Sonnenbrille auf die Welt gekommen sein? Niemand weiß das so genau, und bevor man darüber nachdenken kann, haben sich die Türen mit einem freundlich gerollten „Zurückbleiben bitte!“ schon wieder geschlossen.

Patrick Wilden, 5. Juni 2005
ID 1918




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