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„Können Sie Fünfhundert wechseln?“
„Kann ich nicht, soviel hab ich mal gerade in der Kasse. Aber...“
„Könnt ihr in dieser Scheißstadt eigentlich überhaupt irgendwas?!“
Der Mann, der mir das ins Gesicht geschleudert hatte, ein sächselnder Frührentner wie so viele, verließ das Ladenlokal und ließ mich mit einer gewissensbissigen Frage zurück, die taghell an meinem Gedankenhorizont loderte:
Können wir überhaupt etwas in dieser Stadt?
Ich räumte das Buch*, das ich gerade in den Händen hielt, in die Vitrine zurück und begann, über die Beantwortung dieser Frage nachzudenken.
Früher, so dachte ich betrübt, war gewiß alles besser. Die reichen Krämer, die in ihren schmucken barocken Altstadthäuschen rund um den Marktplatz saßen und auf zahlende Kundschaft warteten, hatten stets so viele Golddukaten in ihren Schatullen, daß sie mit Freuden hätten Fünfhundert wechseln können. Bestimmt hatten sie soviel, daß sie es den prunk- und trunksüchtigen Kurfürsten und Königen liehen, damit diese der Stadt ein unverwechselbares Antlitz geben konnten.
Die Fürsten und ihre Nachfolger bauten davon zum Beispiel kugelsichere Kirchen, von deren Kuppeldach Bomben und Granaten abperlten wie Wassertropfen. Es entstanden viele Schlösser und Paläste und späterhin auch Regierungsgebäude, die eine Krone aufgesetzt bekamen. Und weil sich das Volk inzwischen Kameras leisten konnte, die ebenfalls innerhalb der Mauern der Stadt gebaut wurden, hielt es die Stadt, „wie sie einmal war“, so sagt man, auf ihren Filmen und Negativen fest.
Man baute in der guten alten Zeit auch Getreidemühlen, in denen Kunstwerke gebunkert wurden, und Schlachthöfe, in die man amerikanische Kriegsgefangene steckte. Diese hörten dann einmal, als sie in ihren tiefen Kellern saßen, wie draußen in der Stadt Riesen dröhnend einherliefen und alles zertrampelten, was ihnen unter die gewaltigen Füße kam.
Danach sah es dann nicht mehr so schön aus in der Stadt. Das ganze Geld, das über Jahrhunderte in Gebäude, Einrichtungen und menschliche Schicksale investiert worden war, war regelrecht pulverisiert, ebenso wie viele der Bewohner. Selbst die große, bombensichere Kugelkirche war in sich zusammengestürzt, denn seit dem letzten Bombardement waren knapp zweihundert Jahre vergangen, und die Bombenindustrie hatte große Fortschritte gemacht.
Was die Riesen zurückgelassen hatten, war eine Mondlandschaft, die kokelte und glühte, denn die Riesen hatten ja auch mit Feuer und Vernichtung geworfen. Durch diese Landschaft kletterten versengte Menschen mit ihren geretteten, noch rauchenden Kameras und Zeichenblöcken und ein paar amerikanische Kriegsgefangene, die sich endlich zurück nach Tralfamadore wünschten.
Später kamen sowjetische Befreier dazu, und dann bauten sie die Stadt wieder auf, aber nicht mit Geld, sondern mit ihrer Hände Arbeit. So kam es, daß Geld auch weiterhin knapp geblieben ist in der Stadt, obwohl längst wieder Straßenbahnen fahren und man inzwischen sogar Computerchips herstellt.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch heute noch nicht jedem dahergelaufenen Frührentner auf Fünfhundert herausgeben kann. So geht das eben.
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Patrick Wilden, 16. Februar 2005 ID 1628
* Der Titel des Buches lautet:
Tractat
Von
Den gemeniglich aufstoßenden Kranckheiten, und eigenthumlichen Heyl=Mittlen darfür.
Sambt
Der Weiß, und Manier
derselbigen sich wohl zu gebrauchen,
Vorhin
In Frantzösischer Sprach
herausgegeben von M. Helvetio Leib-Medico bey Ihro Durchl.
Herzog von Orleans.
Zu allgemeinem Nutzen, und
sonderlichem Behülff der Armen in das
Teutsche mit allem Fleiß übersetzet.
Sambt einem Zusatz
den Urin zu erkennen.
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In Verlag, Johann Gastl Buchhandlern zu
Stadt am Hof, nächst Regenspurg. 1744.
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