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Es hat so seine Bewandtnis mit dem Gang zur Urne. Die einen wählen Menschen, die anderen Brücken. Welch ein schönes Motiv doch darin ruht.
Brücken, die einen tief eingeschnittenen Flußlauf überspannen. Brücken, die unüberwindbare Lücken zwischen Ufern, Städten, Ländern, ja Kontinenten in einer Weise füllen, daß man mit bloßen Füßen darüberwatscheln kann. Wir dürfen nie vergessen – ohne die Bogasiçi Köprüsü wäre Skutari niemals ein Teil von Stambul geworden. Ohne den filigranen Koloß, der den Øresund überspannt, hätte sich Schicksal des Dänenprinzen wohl anders entschieden; wozu hätte die Literaturgeschichte dann noch der eseligen, heimtückisch-tumben Meuchler Rosencrantz und Güldenstern bedurft? Auf die Brücke über die Drina möchte ich an dieser Stelle nur hinweisen. In den großen, schweren Eichenregalen der Nationalbibliothek ruhten bis vor wenigen Jahren Hunderte Faszikel, die nur von diesem Thema handelten. Doch dann fingen sie Feuer und sind nun in alle Winde zerstreut.

Es ist also nicht ganz von ungefähr, daß kürzlich Herr Zbiginiew von Labebrzyg auf die Idee kam, in einer großen Stadt unseres Landes, durch deren weite Auen sich träge ein breiter Fluß schlängelt, über den schon mehrere Brücken führen, eine weitere zu bauen – eine Brücke des Friedens und der Verständigung, so wie sie neuerdings auch auf Geldscheinen abgedruckt ist. Dummerweise aber waren die besten Plätze im Stadtzentrum schon belegt. Er holte sich also jemanden, der sich mit der Materie auskannte, einen gewissen Karel Brüx, Küfer, Weinpanscher und Bauzeichner aus Most am Eger, und der fackelte nicht lange, sondern sagte zu Labebrzyg:
„Das is doch ganz easy, Mann, wir nehmen nicht die schmalste, sondern die breiteste Stelle, und gut is. Ich bastel dir da schon was hin.“
Und so wurde denn ein Plan entworfen und binnen vierzehn Tagen in die Tat umgesetzt. So schien es jedenfalls. Doch als die Männer sich trafen, um den ersten Spatenstich zu setzen, sahen sie sich plötzlich von einer Miliz umzingelt, die aus lauter Langhaarigen bestand, die rote Fahnen schwenkten und Molotowcocktails in ihren Händen hielten.
„Tut das nicht“, drohte der Anführer und trat einen Schritt vor. „Wir brauchen eure Brücke hier nicht. Die vorhandenen reichen für alle.“
Da nahmen der Herr von Labebrzyg und der Brüxkarel ihre Beine in die Hand und machten sich aus dem Staub. Herr von Labebrzyg war sehr betrübt, denn sein Lebenswerk, eine Brücke der Freundschaft über den großen, schweren Strom zu spannen, schien gefährdet. Er hatte allerdings gehört, daß die Menschen der Stadt nichts so gerne taten wie abstimmen. Wenn einer etwas werden wollte und versuchte, sich bei den traditionsverliebten Bewohnern lieb Kind zu machen, würde man ihn niederbuhen und ihm Prügel androhen. Doch stellte er sich zur Wahl, konnte er siegessicher sein. Auf diese Weise war sogar einmal eine große goldene Reiterstatue zum König von Polen gekürt worden.
Das ließ den Herrn von Labebrzyg wieder neuen Mut schöpfen, und er beraumte eine Abstimmung an, bei der nicht er, auch kein anderer Mensch oder ein Denkmal, sondern schlicht und einfach seine Brücke zur Wahl stand. Und siehe da: Am Ende bekam er sie und noch dazu viel Lob und Komplimente.
Besonders gerührt nahm er im Anschluß bei seiner Fahrt im Papamobil durch die Straßen der Stadt die Huldigungen des Volkes, darunter auch diejenigen des langhaarigen Milizanführers entgegen.

Und die Moral von der Geschicht:
Brückenpfeiler rosten nicht.




(c) dnn 2005




Patrick Wilden, 3. März 2004
ID 1684






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