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Patrick Wildens jour fixe



„Warum, Herrgottsakrament, schreibst du nicht mal eine politische Kolumne?“ ruft eine Stimme in mir, und ich werde ganz kleinlaut. Blicke mich ängstlich um, ziehe die Augenbrauen hoch und beginne mit einer stotternden Verteidigung. „Aber, aber, aber“, äfft die Stimme meine kindischen Versuche nach, das Heft herumzureißen und das Steuer wieder in die Hand zu bekommen. Und schließlich gebe ich nach. Na gut, denke ich, bin zwar im Urlaub, aber was hab ich schon zu berichten. Von den horrenden Spritpreisen und den teuren Mauthäuschen an der Brennerautobahn? Da fangen doch Omi und Opi aus Fürstenfeldbruck in ihrem Wohnmobil in Torri-del-Benaco gleich an zu wiehern. „Junger Mann“, schlägt mir der Bieratem des Endsechzigers entgegen, „da war an Sie noch nicht einmal zu denken, da haben wir uns schon über die Sprit- und Mautpreise am Brenner aufgeregt.“ Sicher, denke ich, eben ging es noch darum, daß der Seidel Weißbier am Gardasee drei achtzig kostet. Die Hände tief in die Hosentaschen gesteckt und die Stirn in Falten gelegt gehe ich, Steinchen vor mir her schießend, weiter. Das war eben schon immer das Vorrecht der Bergvölker, denke ich, die transitreisenden Kaiser und Könige abzuzocken. Aber ich wollte ja eigentlich („Himmerherrgottsakrament!“) eine politische Kolumne verfassen, fällt mir ein. Neulich war ja Wahl, da liegt das nahe. Auch in Italien war übrigens Wahl, jedenfalls im ZDF, das in allen Pensionszimmern flackerte. Aber ansonsten redete man lieber über die Bierpreise. Sie sollen schon wieder gestiegen sein auf der Wiesn, sagte man im Caffè Centrale über einem Täßchen Hausbrandt-Schaumkaffee am Nebentisch. Diesmal komme ich mir regelrecht wie der deutsche Kaiser vor: erst um die Hausmacht der Hausmeier in den reichen oberitalienischen Stadtrepubliken bemüht, Venetiens inklusive, das mir fliegende Löwen auf Säulen, an Masten und Rathauswänden entgegensendet. Dann kommt der Zug über die Alpen, auf dem ich meinen Vasallen wieder ordentlich die Säckel fülle aus der reichen Staatskasse. In Monaco-di-Bavaria (komme schließlich gerade aus Italien) senke ich eigenhändig die Preise für Maßbier, nehme diese Maßnahme aber augenblicklich wieder zurück, da die Brüder dort nicht Maß halten können und die öffentliche Ordnung ins von stieren Blicken und Kotzbröckchen begleitete Wanken zu geraten droht. Ich eile weiter über Autobahnen, die sonntags gesperrt sind, an die mittlere Elbe, wo, bevor ich den nächsten Reichskanzler ernenne, eine Nachwahl zum Reichstag stattfindet. Und was muß ich da hören? Wie ein politisch abgehalfterter Greis versucht, mit dröhnender Stimme („Herrschaftszeiten noch einmal!“) über die Glatzen seiner Fangemeinde hinweg die Stadt in ihren Fundamenten zu erschüttern. Da bin ich platt, das gebe ich zu, die politische Gegenwart hat mich tatsächlich eingeholt. Sogar die Stimme in mir ist verstummt. Willkommen zuhause, denke ich. Und schreibe endlich mal eine politische Kolumne.

Patrick Wilden, 29. September 2005
ID 2050




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