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Im Juli des Jahres 1..., als Otto Luchinovich auf die Welt kam, sah er sich, nachdem er aus der mit den unglaublichsten Essenzen angefüllten natalen Ursuppe aufgetaucht war, zunächst einmal staunend um. Die Stadt, die ihm bald seine Geburtsbescheinigung ausstellen würde, lag an einer steinigen Steilküste und war für ihre Kaffeeröstereien und Versicherungsgesellschaften in aller Welt berühmt. Manche Menschen, darunter der Vater, sprachen den Namen der Stadt so aus, als bestünde er nur aus Konsonanten. Das kam Otto, dem Achtgeborenen eines früher in osmanischen Diensten stehenden Eisenbahnbeamten und einer illyrischen Germanistin mit einer Schwäche für Literaturverfilmungen, zunächst sehr gelegen, da sein Sprachapparat, so kurz nach der Geburt, noch vornehmlich, wenn auch nicht ausschließlich aus Plosiven und Reibelauten bestand. Otto war allerdings in mancherlei Hinsicht ein Phänomen. Nicht nur, daß er, noch im Leib der Mutter wohnend, immer wieder die Gespräche der Eltern belauscht hatte und zum Beispiel seinen Namen schon kannte, als er auf die Welt kam, und binnen kürzester Zeit auch dahersagen konnte. Am dritten Tag nach seiner Geburt verstrickte er, wenn auch noch leicht lallend, den kopfschüttelnden Vater bereits mit der hintergründigen Frage in eine Unterredung, was denn an der von ihm aufgeschnappten Behauptung dran sei, einige Jahre zuvor sei ein paar Straßen weiter der in päpstlichen Diensten stehende Kunsthistoriker Giovanni Winckelmann niedergestochen worden. Der Vater schüttelte nur noch heftiger den Kopf, als er das neunmalkluge Geschöpf aus seinen Windeln heraus Erörterungen über die Geschichte der Stadt anstellen hörte, die ihm selber fremd waren. „Von irgendjemandem muß er das doch haben, Galeazzo, Liebling“, säuselte die ein wenig benommen im Wochenbett liegende Mutter mit ihrer sangvoll-melodischen Stimme, als Otto einmal wieder an ihrer Brust hing. „Wahrscheinlich haben es ihm Primo, Quinto oder Sisto gesteckt“, mutmaßte der Vater grimmig und ging gleich los, die nichtsnutzigen Buben, die ahnungslos im Hof eine kleine Partie Basketball spielten, einer Züchtigung zu unterziehen. „Wenn ich mir vorstelle, daß er es immer für schädlich gehalten hat, wenn ich dir aus dem schmalen Bändchen vorgelesen habe“, gluckste Mutter Simone, nun mit ihrem Jüngsten allein, und Otto schmatzte genüßlich wie zur Bestätigung. Nach ein paar Wochen kam dann die Geburtsbescheinigung ins Haus geflattert. Otto, nun schon artikulatorisch auf der Höhe und in der Lage, den Namen seiner Vaterstadt mit allen klangvollen Diphthongen und Vokalen zu sprechen, verlangte sie zu sehen. Als man ihm das Papier stirnrunzelnd vorlegte, sagte er, er habe es sich überlegt: Otto sei ein geistloser Name, er möchte nicht mit Leuten wie etwa Otto Ludwig Piffl in einen Topf geworfen werden. Dann doch lieber Tadzio. Während sich der Vater nicht mehr zu helfen wußte und in seiner Verzweiflung erneut in den Hof hinunter eilte, um diesmal den schlimmen Schwestern des Wunderknaben, Segonda, Terzia, Quarta und Settima, die inmitten der alten Mauern des Borgo Teresiano Teekesselchenraten spielten, eine Tracht zu verabreichen, blickte die Mutter mit vor Stolz gerötetem Gesicht auf ihren Sohn. „Ach, was bist du doch für ein kluges Kind“, sagte sie leise, jede Silbe betonend. „Wir wollen dich Luchino nennen, das paßt auch klanglich viel besser.“ Und prompt nahm sie das Schreiben vom Tisch und schickte es mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurück an den Rat der Stadt T.


Patrick Wilden, 23. Juli 2007
ID 3362






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