Keiner mochte glauben, daß der alte O’Mahoney tot war, für manchen lebt er wohl heute noch.
Lennie Zelig, der seine Brooklyner Orgelbank hochgeklappt hatte und zur Totenwache angereist war, meinte, als sie alle abends beisammen saßen und es auf zwölf Uhr ging, er werde sein verdammtes Mobiltelefon erst dann wieder anstellen, wenn Matty – so nannten sie ihn – unter der Erde sei.
„Wißt ihr denn, ob es Matty nicht am Ende einfällt, auf seiner eigenen Beerdigung anzurufen?“ grummelte er, müde vom Jet Lag, und goß sich Aldi-Whiskey nach.
„Da hast du verflucht recht“, sagte Joe Hardy. Er hatte seine Autowerkstatt augenblicklich geschlossen, als die Meldung ihn erreichte. Fitzpatrick hatte ihn angerufen. Er war sofort hinübergefahren, und sie hatten versucht, Matty aus dem Arbeitssessel vor seinem Computer, wo Fitzpatrick ihn gefunden hatte, herauszuheben und aufs Bett zu legen. Sie konnten infolge von Mattys Statur jedoch erst aktiv werden, als Tess eintraf, die Deirdre und deren Freundin Oona mitbrachte.
„Unser alter Freund O’Mahoney hätte das Zeug dazu, ein moderner Tim Finnegan zu werden“. Joe grinste, stand auf und sang:
“They wrapped him up in a linen sheet
And layed him out on top of the bed
With a bucket of whiskey at his feet
And a barrel of porter at his head.”
„Das werden wir ja sehen“, sagte Dermot Sober, als Joe sich wieder gesetzt hatte. Er hatte den Mitarbeitern seiner Kanzlei eine Woche Sonderurlaub gegeben, um in Ruhe Abschied zu nehmen und dabei seine Leber nicht unbedingt schonen zu müssen. Nun erhob er sein Glas. Sie prosteten einander stumm zu und leerten die Gläser auf einen Zug.
„Wir müssen Fox und Drazdany informieren“, sagte Zelig.
„Längst passiert.“ Joe Hardy schenkte Whiskey nach. „Sie wollten zusammen von Tempelhof fliegen, wußten aber noch nicht, ob es zur Beerdigung reicht.“
„Und wie sieht’s aus mit seinem Bruder in Rathgar?“
„Der kann erst morgen kommen, seine Tochter ist auf Konzertreise, und er muß die Enkel hüten.“ Joe räusperte sich. „Immerhin, Micheál hält die Predigt.“
„Und ich werde spielen“, sagte Zelig entschlossen.
„Kannst du denn die Liturgie überhaupt noch, nach den vielen Sabbatgottesdiensten?“ stichelte Joe Hardy, verstummte aber, als Dermot Sober ihn böse anblickte.
Im Nachbarraum wurden die Stimmen der Frauen laut.
„Er würde noch leben“, rief gerade, als die Männer eintraten, Tess, seine Cousine zweiten Grades, die ihn im Ruhestand jeden Tag besucht hatte, „ohne das verfluchte Internet. Daß sie ihn entlassen haben, weil es viel weniger Briefaufkommen am Schalter gab, hat ihm den Rest gegeben.“
„Er ist in Rente gegangen“, versuchte Deirdre zu beschwichtigen, die schon seit ihrer Jugend ein Auge auf Matty geworfen hatte, „einfach nur in Rente.“
„In den Vorruhestand!“ beharrte Tess, ihre Stimme überschlug sich etwas. „Außerdem hatte er diese Herzattacke vor ein paar Jahren bei Bewley’s, wißt ihr noch? Als der Deutsche ihn fand...“
Alle nickten versonnen. Joe Hardy füllte ihre Whiskeygläser erneut randvoll.
„Als ich zu ihm kam und ihn im Sessel fand, war er gerade dabei, seine Briefmarkensammlung im Internet zu versteigern.“ Fitzpatrick war unbemerkt aus der Küche getreten. „Ich glaube, jemand hat sie für keine zehn Pfund gekauft.“
„Oh mein Gott“, murmelten einige. Für einen Moment sagte niemand etwas. Die Uhr zeigte zwölf Minuten nach Mitternacht, ein kalter Märzvollmond ließ seinen Schein in das nur von einer dicken Kerze erleuchtete Eßzimmer des Verstorbenen fallen.
„Laßt uns was singen“, schlug die ansonsten eher stille Oona vor, die eigentlich auf dem Kontinent lebte und nur zufällig in der Stadt war.
Alle kippten wie auf Verabredung ihren Schnaps. Dann erhob sich Fitzpatrick und begann:
„Matty went out on a frozen night,
Makin’ for the pub, shoulders hunched up tight…“
Nach und nach stimmten alle, die das Stück kannten, mit ein. Es war ein freundliches, fast kumpelhaftes Lied, das zwanzig Jahre früher populär gewesen war, doch der Text und die Melodie hatten es in sich, und selbst Fitzpatrick, der es gut zu kennen meinte, mußte gelegentlich aussetzen.
Als sie zur letzten Strophe kamen, erstarb der Gesang plötzlich, weil alle die Schlußverse vergessen hatten. Sie blickten sich einen winzigen Moment lang betreten an. Joe Hardy wollte laut fluchen und Tess in neuerliches Keifen verfallen. Da erklang geistergleich eine zarte Hornmelodie, gefolgt von einer versöhnlich glitzernden Klavierkaskade, der Beginn eines romantischen Konzerts, welcher das Klingeln von Mattys Haustelefon signalisierte.
Zelig, der am nächsten stand, griff nach dem Gerät und erwischte wie durch ein Wunder die Lautsprechertaste. Es ließ sich eine heisere, durch starkes Knistern und Rauschen entstellte Stimme vernehmen, die mit einigem guten Willen als die Stimme des alten O’Mahoney durchgehen konnte, und die sang:
“At the wake they were lashin’ out
The ‘Drops of Brandy’, ‘The old-fashioned habit’,
In the church they were lashin’ down
Pounds and fivers, so Matty would be fine in the old bye and bye.”
Patrick Wilden, 28. März 2008 ID 00000003762
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