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Patrick Wildens jour fixe




Gelegentlich schießen uns Gedanken in den Kopf und bringen uns davon ab, was wir eigentlich sagen wollten. Und schon beginnt es: die Kugel rollt, die Tinte rinnt, endlich rauscht das Wasser im lange verstopften Rohr. Wir werden fortgetragen und bemerken, daß das kanalisierte Denken viele unbekannte Windungen und Wendungen hat.
Zu was wir auf einmal fähig sind! Wir können aus dem Fenster sehen, ohne sofort die immer gleichen parkenden Autos der Nachbarn zu sehen und uns darüber zu erbosen, daß Nachbar X von schräg gegenüber immer die Sperrkegel aufstellt, wenn er mal für fünf Minuten zum Zigarettenkaufen wegfährt. Stattdessen fallen uns die drei Fenster von Nachbarin Y im Haus an der Ecke auf, eine ganze Zeile, alle hell leuchtend in die schwarze Nacht hinein. Und sehnsüchtig blicken wir hinauf in die dritte Etage, wo wir Grünpflanzen, halb zugezogene gelbe Gardinen und Teile von Etageren, aber leider keinen Menschen erkennen können. Wie lange sie wohl noch Licht haben wird, die Nachbarin Y, wo es schon gegen zwölf geht?
Uns fällt auf einen Schlag wieder ein intelligenter Artikel ein, den wir unlängst in der Tageszeitung lasen. Einer von diesen schlauen Artikeln, die wir gewöhnlich lesen und von denen wir schon kurz darauf nicht mehr den Inhalt wiedergeben können. Ein solcher Artikel, der die Welt erklärt, fällt uns nun ein. Alles ist nur ein Spiel von Möglichkeiten, haben wir darin gelesen, und nichts ist mehr klar geschieden in Subjekt und Objekt. Machen wir uns ein Bild von der Welt, so ist es wie mit der Kamera: es gehört immer ein Apparat dazu, einer, der eine Einstellung auswählt und den Auslöser drückt, und ein Etwas, das sich vor der Linse befindet.
Noch immer starren wir hinaus in die Nacht. Von den drei Fenstern der Nachbarin Y sind nun zwei schwarz. Schnell löschen wir alle Lichter und holen unsere Kamera. Wir sehen, wie der Nachbar X von schräg gegenüber vom Zigarettenholen zurückkommt – die Tankstelle schließt um Mitternacht –, wie er seine Sperrkegel beiseite räumt und einrangiert. Wir schießen hurtig ein paar Fotos, ohne Blitz, damit wir nicht entdeckt werden, doch es wird uns sofort klar, daß wir uns gar keine Einstellung überlegt haben. Die Belichtungszeit war zu lang, die Aufnahme verwackelt, die Welt der Möglichkeiten hat keine nennenswerte Ausformung gefunden.
Nun sind von den drei Fenstern der Nachbarin Y wieder zwei erleuchtet, doch allmählich haben wir die Lust verloren. Unsere Einstellung taugt nichts mehr zu später Stunde, und zu allem Überfluß hat der Nachbar Z von obendrüber, den wir soeben haben heimkommen hören, seine Musikanlage so laut gestellt, daß wir bereits nach dem Besenstiel zu suchen beginnen. Wir haben gar nicht bemerkt, wie wir längst schon wieder auf dem geraden, narkotisierenden Strom wolkiger Nachtgedanken schwimmen, der uns direktemang ins Bett geleitet.


Patrick Wilden, 31. März 2005
ID 1785




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