Ein Sonntagnachmittag in der Neustadt, Ende Mai. Der Spätkauf, den man vom Café an der Ecke ausführlich betrachten kann, ist gut frequentiert, dabei ist es noch gar nicht spät. Der Wind bläst, echt maritim, durch die Ausfallstraße, das Langnese-Fähnchen drüben flattert mit jeder Bö, der bisweilen ein Schauer folgt. Dann kann man auch beobachten, wie die leichter bekleideten Vorübergehenden sich unter die Markise des Cafés drängen. Besonders heftige Windstöße drücken sie sogar regelrecht gegen die Scheibe, hinter der ich sitze, in einer halb eingefalteten Pose, den Milchkaffee bereits geleert, eine Zeitung auf den Knien. Den Autos, von denen es zu Kafkas Zeiten noch nicht so viele gab wie heute, machen die waagerecht fallenden Tropfen natürlich wenig aus, sie fahren an, wenn die Ampel wieder auf grün springt. Eine junge Frau auf der anderen Straßenseite verabschiedet einen Mann, der zügig aus dem Bildausschnitt verschwindet, und betritt, nachdem der sie begleitende riesige schwarze Hund sein flauschiges Fell durch einige Schleuderbewegungen ausgewrungen hat, das Haus des Spätkaufs, allerdings durch die Haustür. Ich sitze da, der Zukunft, also der Straße zugewandt und warte auf neue Begebenheiten, von denen sich jeden Augenblick eine einstellt. Und sei es nur, daß wieder jemand auf den Schalter der Fußgängerampel gedrückt hat und Kinderwagen über die Straßenbahnschienen holpern. Jeden Augenblick eine neue, sich ereignende Zukunft, eine Touristenbus-, eine Eisschleck-, eine Straßenbahnfahrtzukunft, die einfach nur geschieht, ich muß noch nicht einmal die Hand danach ausstrecken, sondern kann hinter meiner Scheibe sitzen bleiben und meinen eingeschlafenen Fuß aufwecken. Das Radio dudelt Melodien dazu, die mir mehr oder weniger entfernt vertraut erscheinen. Das Café ist nicht sehr gefüllt, trotz günstiger Verkehrsanbindung, womöglich wartet man noch auf den Hauptstrom der Gäste, daß sie aus der haltenden Straßenbahn steigen, von ihren schwarzen oder bunten Rädern absitzen oder einfach nur um die Ecke biegen. Der eine trägt vielleicht neue Schuh, die er den ersten Tag einläuft, und stöhnt über die Blasen an seinen Füßen. Der andere spielt mit den Knöpfen seiner Digitalkamera, und wieder ein anderer hat vielleicht einen tschechischen Roman dabei, in dem er, nachdem er die Getränke bestellt hat, gedankenverloren blättert. Wie lange wird das Wetter wohl halten, das eben aufklart? Wann wird der Spätshop schließen, wann die Ampelanlage abgeschaltet werden? Ich bin sonst nie in diesem Café am Ostend der Stadt, kenne mich hier kaum aus. Und ich habe inzwischen aufgehört, die vorüberrasselnden Kinderwagen zu zählen.
Patrick Wilden, 28. Mai 2006 ID 2420
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