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An dieser Stelle war nun schon einige Male der Fernsehturm erwähnt. Man möge Nachsicht mit mir haben. Oder besser: man möge Nachtsicht mit mir haben, denn zu bestimmten Zeiten, wenn nämlich der jour fixe anberaumt ist, sitze ich im winterdunklen Zimmer und starre mit einer gewissen Sehnsucht hinaus auf die nächtliche Stadt und den – nun ja, Fernsehturm, wie er da so rotäugig aus dem Dunkeln herüberzwinkert, den Fliegern zur Warnung und mir zur Manie.
Seit einigen Tagen jedoch wird mein abendlicher Blick aus dem Fenster abgelenkt. Eingedenk der noch immer anwachsenden Weihnachtsstimmung wurde in der Wohnung im Nachbarhaus, die der meinigen direkt gegenüber liegt, eine neue Deko installiert, die eine frappante Fernsehturm-Ästhetik entwickelt. Es handelt sich um drei im Dreieck angeordnete rote Leuchten, die zwar durch einen zu erahnenden Gaze-Vorhang oder sowas in der Art ein Moment des Flirrenden erhalten und wie gerastert wirken, die allerdings den auf den Turm gerichteten sehnsüchtig-flüchtigen Blick aus dem Fenster zu vorgerückter Stunde ordentlich verwirren können. Neigt man den Kopf etwas weiter zur Seite – was aus dem flüchtigen schon fast einen konstatierenden, einen prüfenden Blick macht –, so stellt man fest, das neben einem dunklen Fenster hinter einer weiteren Scheibe derselben Wohnung ein erzgebirgischer Schwibbogen sein künstlich erleuchtetes Halbrund in die Nacht strahlt – eine Form, die im Entwurf für die schon jetzt von den Umweltschützern und der Unesco tüchtig geliebte Autoeisenbahnbrücke, die gerade in unserer Stadt gebaut wird, kongenial wieder aufgenommen ist, wie mir übrigens erst jetzt auffällt.
Nun, da wir schon im Fenster stehen, fällt der Blick endlich auf das nebenan stehende Nachbarhaus gegenüber – und hier wird die vom Dezemberregen schon ganz verschnupfte, nach vorweihnachtlicher Glitzerwelt dürstende Seele endgültig erquickt: mit Lichterketten in Fenstern und entlang eiserner Balkonbrüstungen, einem ebenfalls auf einem Balkon glühenden Weihnachtsbäumchen und der schlechthinnigen Krönung des Vorstadtadvents, einem Herrnhuter Stern. Das sind diese großen, dreidimensional-spitzzackigen und extrem lichtintensiven „Rhombenkuboktaeder“ aus dem ehemaligen VEB „Stern“, die einem hier allerorten in allen Farben des Regenbogens entgegenleuchten. Ob allerdings die künstlich illuminierten Himmelskörper, die die pietistischen Nachfahren der Mährischen Brüder auch heute noch im polnischen Grenzgebiet herstellen, neuesten Energiesparbedingungen standhalten, soll dahingestellt sein. Auch all die andern zuckerbäckerigen Glitzeraccessoires lassen sich schwerlich mit balinesischem Klimaschutz und ewig steigenden Energiepreisen harmonieren.
Und der Fernsehturm? Man könnte jetzt argumentieren, daß seine Beleuchtung unter Klimaaspekten, mit den Mährischen Brüdern gesprochen, Sünde ist – Klimasünde ist ja ebenfalls dem Christensprech entlehnt. Aber was wäre, wenn die abendliche Linienmaschine von Stuttgart mit den ganzen Anzugträgern von der baden-württembergischen Landesbank an Bord dem unilluminierten Turm die Spitze abbräche? Und woran sollte ich winters des Nachts meine Sehnsucht wärmen? An drei roten Leuchten in der Nachbarswohnung? Die sind spätestens im Januar, mit der nächsten Strompreiserhöhung, ausgeknipst. Da sollten wir lieber unseren eigenen stromfressenden Glitzerwahn im Advent überdenken. So betrachtet ist mit dem Fernsehturm nämlich das ganze Jahr Weihnachten.


Patrick Wilden, 13. Dezember 2007
ID 3613






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