Der Kellner sitzt mit seinem Hintern auf der Arbeitsplatte in der Küche und raucht. Vor dem Fenster raucht es aus riesigen Schornsteinen, aus unsichtbaren Ventilen und sonstigen undichten Stellen im Getriebe der Industrien gelb und weiß. Im Speisewagen, jedenfalls im größeren Saal auf unserer Seite der Kombüse, ist Nichtraucher – vielleicht ein Grund dafür, warum es so leer ist. Die kleine Raucherecke dagegen ist, wie man durch den schmalen Korridor erkennen kann, überfüllt. Der Kellner, der uns Schweinebraten mit Knödeln und Kraut – das berühmt-berüchtigte knedlovepozelo – auftischt, säße wohl auch lieber in der Raucherecke des Speisewagens der tschechischen Eisenbahngesellschaft und ließe sich Bier bringen, wie die Slowaken am Nachbartisch, die ihre Reise im Speisewagen absitzen, telefonierend und dabei wild gestikulierend, und sich für jede geleerte Flasche Krušovice eine neue hinstellen lassen. Oder er ließe sich Kaffee servieren – „türkischen Kaffee“, wie die Speisekarte verheißt, weil man für diesen keine Kaffeemaschine benötigt; einfach einen Löffel Tschibo oder Jacobs in die Tasse und heißes Wasser drauf. Beim Trinken kriegt man dann leicht einen dunkelbraunen Schnurrbart, und es knirscht ein bißchen zwischen den Zähnen. Nescafé wäre hier die Alternative. Die Industriekomplexe und -ruinen rauchen noch immer, und über ihnen hängt ein kuscheliges Federbett aus Wolken. Bis vor einer Stunde hat es noch daraus geschneit. Doch hier ist der Schnee schon älter, es ist schmutziger Schnee, der in Flecken herumliegt im Kohlengürtel der mährischen Stadt Ostrava, die wir umschleichen wie die Katze den süßen Brei. Langsam geht es voran. Die Gleise klappern, das klassische Klack-klack, das an früheste Zeiten des Eisenbahnverkehrs denken läßt, begleitet uns im Weichbild der Stadt, an der polnischen Grenze entlang. In der Distanz, über Halden und Kleingartenanlagen, Garagen und Freizeitzentren hinweg stehen Punkthochhäuser, die vielleicht schon auf eine Agglomeration jenseits der Demarkationslinie hinweisen. Der Hauptbahnhof von Ostrava ist fast leer. Er erinnert ein bißchen an die verwaisten, ins Nirgendwo schwingenden Bahnsteige des Hauptbahnhofs von Ludwigshafen am Rhein. Ähnlich wie dort ist auch hier nicht ganz klar, wo über die staksigen Betonstege, die zwischen den Schwermetallgießereien und Leichtmetallfabrikationshallen durchführen, die Leute zum Gleis kommen sollen. Das Essen haben wir inzwischen beendet. Der Kellner eilt geschäftig durch den Gang, fragt, ob er abräumen dürfe, balanciert Geschirr, das er auf der Arbeitsplatte in der Küche abstellt. Weitere Bahnhöfe, noch immer Schrittempo. Früher, als ich mit meinen Eltern häufiger quer durchs Ruhrgebiet fuhr, um Verwandte zu besuchen, machten sie mir einmal weis, daß man dort den Schnee verbrenne. Als Kind von acht Jahren hielt ich das für eine plausible Erklärung dafür, daß überall braune und schwarze Erde zwischen den grauen Schneefeldern hervorquoll. Und heute, da wir durchs Kohlenrevier von Mährisch-Ostrau schaukeln, würde ich am liebsten wieder daran glauben und mir vorstellen, wie Männer in dicken blauen oder orangenen Jacken überall kleine Feuer unterhielten, um dem Schnee zuleibe zu rücken. Mit einem Mal nimmt der Zug wieder Fahrt auf, die Industriesteppe verschwindet allmählich aus unserem Sichtfeld und macht verschneiten Feldern Platz, die die eben hervortretende Sonne zum Leuchten bringt. Der Kellner kommt vorbei, und ich bestelle die Rechnung.
Patrick Wilden, 5./7. März 2006 ID 00000002281
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