Ich versuche die Gedanken bei den Ohren zu packen – so wie man früher ungezogene Kinder zu fassen kriegte –, um ihnen meinen Willen aufzuzwingen, um etwas mit ihnen zu beginnen. Aber Gedanken haben äußerst dehnbare Ohren, unendlich dehnbar sogar. Sie sind wahrscheinlich aus Luft oder aus Schlaf oder aus Dunkelheit. Jedenfalls sind sie nicht zu fassen. Vielleicht ist es auch der Regen, der sie vorantreibt, während er von der Dachrinne über dem Fenster auf das darunterliegende Fensterbrett tropft. Ein Telefongespräch fällt mir ein, das ich kürzlich mit einer guten Freundin führte. Ich erzählte ihr darin von einem mejdan, wo ich Silvester zusammen mit einigen Bekannten hingeraten war. Mejdan ist ein tschechisches Wort, für das in meinem kaum veralteten Langenscheidt-Taschenwörterbuch Tschechisch (9. Auflage 1992, unveränderter Nachdruck von 1978) die Übersetzung „Tanzvergnügen“ zu finden ist (S. 194). Diese doppelte Verrätselung, Lehnwort aus einer nicht unbedingt naheliegenden Fremdsprache samt ihrer duften Übersetzung, gibt ungefähr meine Unsicherheit bei der Benennung der Festlichkeit wieder, auf die wir da geraten waren. Stellen wir uns so ein zeitgenössisches Silvester-Tanzvergnügen vor. Es ist ein Theater-Foyer, ein öffentlicher Raum also, geraucht werden muß also draußen – aber mein Gott, das bringt uns nicht um, oder? Man denke sich ferner eine mäßig frequentierte Tanzfläche im Halbdunkel, auf der vor allem die Mädchen, in der Mehrheit „Ü 30“, nur wenige einschlägig „Ü 40“, hin- und herwippen. Am Rand, an der Bar, stehen wie immer die Kerle, die natürlich ständig Bierflaschen herumreichen, an denen sie sich festhalten und gelegentlich laut lachen. Alle aus einem ähnlichen Alterssegment, aber noch immer schüchtern. (Währenddessen vergehen die einsamen Damen auf dem Tanzboden nach Kavalieren...) Oder geben sie mit Seitenblicken aus ihren Argusaugen acht, daß ihre eigenen Bräute im Musikrausch nicht in die falschen Hände geraten? Wer weiß. Der Freundin am Telefon beschrieb ich jedenfalls eine Frau mit scharfen Zügen, eine offensichtliche Raucherin, nur noch knapp „U 50“, die uns Kerlen an der Theke schöne Augen machte, als „leicht verlebt“. Mit leiser Ironie bemerkte die Freundin am anderen Ende der Leitung: „Bei Männern würde man nicht ‚leicht verlebt‘ sagen, sondern interessant.“ Ich wollte das nicht kommentieren und wechselte schnell das Thema. Aber die Geschichte beschäftigte mich auch nach dem Telefonat noch. Ich bin ja – zumal als Nichtraucher – inzwischen zu der Auffassung gelangt, daß bestimmte – vielleicht „etwas verlebte“? – Frauen besonders Männer „interessant“ finden, die rauchen, was sich an jenem Abend zu bestätigen schien. Es endete nämlich damit, daß die Lady einem armen Jungen aus meinem Bekanntenkreis, der doch nichts wollte, als sich wie ich an seiner Bierflasche – war es die fünfte? die sechste? – festzuhalten, ganz mütterlich eine Zigarette drehte. Die hat er dann knisternd mit ihr zusammen draußen rauchen müssen, bibbernd vor Kälte. Wenig später war das „Tanzvergnügen“ vorbei, und wir gingen leicht schwankend hinaus. Aus den Augenwinkeln sah ich, daß sich die Zigarettendreherin inzwischen auf einen neuen „interessanten“ Mann gestürzt hatte, was mich irgendwie beruhigte. Wir hingegen schritten durch die klare kalte Luft des eben angebrochenen neuen Jahres und atmeten tief ein und wieder aus.
Patrick Wilden, 25. Januar 2008 ID 00000003662
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