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Patrick Wildens jour fixe



Genau genommen bin ich gerade platt wie ein Plätzchen. Die Suche nach Motiven, über die sich nicht nur Gemeinplätze verbreiten lassen, ist immer wieder aufs neue entbehrungsreich. Das ist sogar die eigentliche Tragik an der Sache, denn an Motiven, an Handlungssträngen, Themen, TOPs, bei denen man einhaken und eine Eingabe machen möchte, herrscht kein Mangel. Sie sind mit Händen zu greifen, liegen förmlich auf der Straße. Genau genommen bin ich also platt wie ein Gemeinplätzchen, wenn mir nix einfällt, ist meine Grobmotorik gestört, wenn ich nicht die Hand nach ihnen ausstrecken und sie von ihrem Gemeinplatz herunterholen kann. Zu einem ganz alten, immer wieder aktualisierten Projekt aufschließend könnte ich auch sagen: höchste Zeit, mal wieder eine politische Kolumne zu schreiben. Über den hohen Ölpreis zum Beispiel, über den die Welt genau genommen nicht genug klagen kann – und zwar nicht nur die Fahrer von Dieselkraftwagen, sondern der gemeine Lichtanundausknipser, Waschmaschinenbetreiber und Zentralheizer an sich, der jetzt im herannahenden Sommer zum Glück noch nicht an den nächsten Winter denkt. Irgendwie war es doch auffällig, daß in jüngeren James-Bond-Filmen immer so viele Pipelines explodierten. Erdölpipelines, könnte man diesen Gedankengang weiterverfolgen, werden also von James-Bond-Bösewichtern ersonnen und ermöglicht, von Menschen, die wir im zivilen Leben gerne als „Einkleider“ bezeichnen. Sie sind so allgegenwärtig, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, die Investoren. Ja, Immobilienkrise hin oder her: die Investoren sind die Lichtgestalten unseres Zeitalters. Von ihren – zumindest terminologischen – mittelalterlichen Vorgängern unterscheiden sie sich dabei nicht unwesentlich. Damals ging es noch darum, daß ein König oder Papst – dieser Punkt war häufig strittig – einen Bischof in sein Amt „einkleidet“ oder daß einem Mann nach salischem Recht durch eine „Investition“ ein bestimmter Grund und Boden zugesprochen wurde. Heutigentags denken wir bei Investoren an in Anzüge eingekleidete, selbstsichere Herren mit Köfferchen und dicker Limousine, die im richtigen Moment mit einem großen Bündel Geldnoten winken, und dann wird alles so gemacht, wie sie es wollen. James-Bond-Großfressen im weitesten Sinne. Und da sich unsere Gesellschaft inzwischen genügend eingeredet hat, daß sie strukturell unterfinanziert ist, und sogar der Kulturbereich vielfach nur dann überhaupt erwähnt wird, wenn er wirtschaftlich arbeitet und sich trägt, werden diese Einkleider überall gerne empfangen, mit weißer oder schmutziger Weste, ob sie nun Mundgeruch haben oder nicht. Nun, andererseits – was regen wir uns auf. Was im hohen Mittelalter durch Schollenwurf und Bewirtung durch den Erwerber besiegelt wurde, regeln heute pralle Konten und, nachdem diese geleert und das Projekt realisiert ist, die Beweihräucherung des Investors mit einer Riesenparty in Anwesenheit von Promis, geladenen Gästen und Geschäftspartnern. Ob Brückenzüge durchs Kultur- und Naturschutzgebiet oder Kaufrauschentfachung hinter geschminkten Barockfassaden – die Investoren sind die Ermöglicher, die in jedem Fall immer von der Jasagerpresse gelobt werden, ganz so wie zu Kaisers und Königs Zeiten. Nur unter Investmentbankern hätten sich die Alten wahrscheinlich nichts vorstellen können – hier stößt die feierliche Besitzeinweisung an ihre von Kartenspielertricks unterwanderten Grenzen. Allenfalls hätte man sich darüber gewundert, was die investitio mit dem schlecht beleumundeten, wenn auch traditionsreichen Beruf des Wucherers zu tun hat. Zu Investmentbankern fällt einem ja auch heutigentags wahrlich nichts mehr ein. Da lassen wir die Investoren also auf ihrem Gemeinplatz stehen und gehen uns lieber erholen, auch auf die Gefahr hin, wieder den Kopf in den Sand gesteckt zu haben. Genau genommen ist das hier also schon wieder keine politische Kolumne.

Patrick Wilden, 24. Mai 2008
ID 3846




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