Alle reden über Fußball. Also gut, reden wir auch vom Fußball. Was gibt es da zu berichten? Es scheint ja alles klar. Die Siege der Mannschaft werden, rund um die großen Zuschauerarenen an den Flußufern oder auf den großen Plätzen der Städte, frenetisch gefeiert. Auf allen Kanälen ist der Jubel auf Sendung, Moderatoren – verstärkt von schleppend formulierenden Ex-Nationalspielern – resümieren das Resultat und räsonieren über die Zukunft. Zwischen 20 und 24 Uhr ist die Nation bestens informiert – nur wer später zuschaltet, den bestraft die Quote. Der Sieg wird im öffentlichen Raum auf schwarzrotgoldenem Tablett serviert. Wer keine Gelegenheit hatte, das Fußballspiel anzusehen, weil er zum Beispiel eine Ausstellungseröffnung besucht, fällt allerdings in ein eigentümliches Informationsloch. Der muß schon einen der Fahnenschwenker anhauen, um Inhalte zu erfahren. Die Ausstellungseröffnung fand in einem Residenzschloß nahe einer öffentlichen Filmarena statt, wo sich die gestreiften, trikotierten und geschminkten Anhänger hörbar konzentrierten. Der Saal des Schlosses befand sich noch im Rohbau, weil der Gebäudetrakt erst vor kurzem wieder aufgerichtet worden war. Im hinteren Bereich standen Gerüste. Weiter vorne füllte, zwischen den Einführungen des Direktors und der Ministerin, ein Percussionist den kargen Raum mit rauhen Klängen, die ein Redner später als „elektrisierend“ bezeichnete. Der Maler, dessen Ausstellung da eröffnet wurde, war kurz vor der Vernissage abgereist, weil die Ausstellung nicht in dem schönen Rohbau stattfinden konnte, sondern in einem bereits sanierten Flügel des Schlosses. Der Trommler trommelte also nicht nur so laut, um die nahe Fanmeile, sondern auch um die peinliche Situation zu übertönen. Später mußten die Teilnehmer wieder aus dem Rohbau heraus, um das Schloß herum und zu einem anderen Eingang hereinlaufen und in die dritte Etage des Schlosses hochsteigen, um die Ausstellung zu bewundern. Im Hof gab es Freibier – nicht ganz klar, ob wegen der Ausstellungseröffnung oder wegen des Spiels der Nationalmannschaft. Jedenfalls fiel für die meisten der Kunstbesuch kurz, der Bierkonsum dafür länger aus. Das Ende des Spiels nahte heran, und über der Stadt lag eine gespenstische Ruhe. Gegen halb elf sah ich vom Hof aus, wo ich mit ein paar anderen Freibier trank, wie eine Karawane von Menschen gesenkten Hauptes die repräsentative Straße am Schloß entlang lief – und wir dachten: Es mußte ja so kommen, genau wie sie es prophezeit hatten. Schließlich galt die Mannschaft nicht eben als Favorit. Eigentümlich war nur, daß die Menschen zumeist älter und in feinen Zwirn gehüllt waren. Irgendwann begriffen wir, daß gerade die Oper aus war, die in unmittelbarer Nähe lag. Szenen aus „La Bohème“ hatten sie gespielt, die recht trübsinnig gewirkt haben müssen. Als dann wenig später ein aufgemotzter Kleinwagen mit erhöhter Geschwindigkeit dieselbe Straße entlangfuhr und aus dem Fenster die Farben des Lützower Freikorps schwenkte, hatten wir Gewißheit: der Sieg war unser. Und bis das Freibier ausgetrunken war und ich den dann ausbrechenden Lärm hinter mir gelassen und mich voller Neugier endlich selbst vor dem Fernseher eingefunden hatte, war man dort schon längst wieder zur Werbung übergegangen.
Patrick Wilden, 20. Juni 2008 ID 3898
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