Schließe deine Augen. Lege deine Hände blind auf die Tastatur. Laß mit verdunkeltem Gesichtsfeld deine zarten Extremitäten mit den fettigen Fingern auf das Pergament fallen, an dem du gerade laborierst. Und? Was siehst du? Nüscht? Hm. Laß dir helfen: Was du gerne ausgesagt hättest, das siehst du, und zwar vor deinem „geistigen Auge“. Vor dem beäugten Dreieck, das auf der Darstellung der Erklärung der Menschenrechte der französischen Republik der Revolutionszeit zu sehen ist. „Geistig“ zu sehen ist. So könnte man es jedenfalls auch sehen. (Wenn man nicht gerade die Augen geschlossen hielte. Hélas, sie gehen fast nimmer auf!) Mit anderen Wörtern: du siehst – deinen eigenen Anspruch. Das, was du dir zutraust. Das, was du gerne schon geschafft hättest. Das, was du in einer versteckten Kammer deines Herzen (deines Gehirnstüberls vielleicht) verborgen hältst und am liebsten bereits mit allen Finessen, zu denen dein Verstand (dein Geist? deine Vernunft?) fähig, hervorgeholt hättest. Was du ergo das Licht der Welt erblicken lassen hättest. Es wäre aus dir hervorgekrochen wie eine Frucht deines Leibes (die gebenedeit sei), als wär’s ein Stück von dir. Es, Es – es wäre sehend geworden, was dem Anspruch, den du an dich selbst stellst, diesem nie versiegenden Quell, zu verdanken gewesen wäre. Dem Anspruch – du ahnst es –, auf den nichtsdestoweniger niemand, auch du nicht, mein Sohn Brutus, hähä!, Anspruch erheben kann. Denn angesprochen auf die ausgesprochene Beanspruchung von Spruchweisheiten ansprechender Sprecher aus Film, Funk und Fernsehen würde dir wohl jeder, der zu irgendeiner Art von Ausspruch fähig ist, sagen, daß es das alles da draußen überhaupt nicht gibt: literarische Qualität etwa, les mœurs, die Buchstaben, die ein ans Internet angeschlossener Rechner um die Welt schickt, oder auch das „Hochdeutsche“ – wohl die schönste Utopie der Verlagsbranche, die die Schweizer darum auch zutreffend „Schriftdeutsch“ nennen. Nichts davon ist wirklich, mein Freund, wie du nun, im Widerschein deines aus dem Schlummer erwachenden Geistes mit deinen noch immer fest verschlossenen Augen deutlich erkennen kannst. Dein Herz schlägt langsamer, die Spannung, mit der du dein Schreibgerät umklammert hältst, löst sich Schritt für Schritt, sogar dein Atem geht jetzt flach. Ja, du kannst es ruhig zugeben: du bist zu dir selbst gelangt, du bist „zu dir gekommen“, wie man so sagt. Du ruhst. Du schläfst***************
So. Nu mach deine Augen mal wieder auf. Was siehst du? Richtig, es regnet.
Patrick Wilden, 23. August 2005 ID 00000002006
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