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Patrick Wildens jour fixe



Eben biege ich um die Ecke und sehe: der jour fixe, er hat schon angefangen. Der Tag, dieser eine Tag, an dem über alles gesprochen wird, an dem alles auf den Tisch des Hauses kommt und alles neu verhandelt wird, im Guten wie im Bösen, mit Gewinn oder Verlust, auf Leben und Tod – dieser Tag ist längst schon da. Natürlich reden alle durcheinander, keiner hört auf den anderen, jeder kommt mit seinen eigenen selbstgemachten, hausbackenen, handgedrechselten Nöten, Wünschen und Träumen. Und es ist wie so oft: der CEO, diese Lichtgestalt unserer Tage, kann sich nicht durchsetzen. Die Apparatschiks vom Vorstand sitzen derweil noch in der Kantine bei Brötchen und Bier und erzählen sich die neuesten Neuigkeiten aus dem Playboy, und die Couponknipser vom Aufsichtsrat sind mit der Pflege ihrer Backenbärte beschäftigt. Wenn die Vorsteher des Vorstands dann zurückkommen aus der Kaffeepause, kann sie niemand entlasten, weil sie eben ganz schön geladen haben. Die geheimen Aufsichtsräte, die mit ihren Nachtsichtgeräten für die nötige Transparenz sorgen sollten, verschanzen sich gegen die perfiden Aktionen der Aktionäre hinter ihren dicken Portemonnaies. So reden am Ende alle durcheinander. Die Interessen liegen nicht mehr beim einen oder andern, sondern überall herum, ihr Wert fällt. Und ich stehe fassungslos daneben und frage mich, wohin das alles noch führen soll. „Wir könnten doch zur Abwechslung zuerst mal die Welt retten!“ rufe ich in die wimmelnde Menge, die inzwischen bei den ersten Handgreiflichkeiten angelangt ist – aber niemand hört mich. „Die Ölquellen werden versiegen, die Gasblasen sich leeren, bereits heute sind alle Meere überfischt, die Polkappen schmelzen, und die Taucherparadiese werden bald schon die einzige Existenzform für die Bewohner der Seychellen und Malediven sein.“ Meine Stimme hat etwas Beschwörerisches bekommen, ich höre mir gerne zu, wenn ich so etwas sage – aber sonst hört mich niemand. Die Raufbrüder vom Geldadel haben gerade eine Goldader entdeckt, die direkt unter dem Sessel des CEO verläuft. Und da dieser sich nicht durchsetzen und, mit dem Hintern voran, auf seine Widersacher stürzen kann, wird es für ihn immer schwieriger, sich die Meute vom Leib zu halten. Ich mache einen Schritt auf die muntere Versammlung zu – und pralle zurück. Unmerklich hat sich eine unzerstörbare Panzerglasscheibe zwischen mich und den jour fixe geschoben. Ich klopfe, dann hämmere, zum Schluß wüte ich mit allem, was in mir steckt, Faustschlägen und Fußtritten und wildem Gebrüll gegen diese Scheibe, die, so scheint es, von innen mit Blendfolie beklebt ist. Denn niemand reagiert auf mich. Ich sehe nur, wie das Unheil seinen Lauf nimmt, und auch hören kann ich alles. Mit einem Mal erklingt von irgendwoher ein kleines zartes Glöckchen, und ein greises Männlein spricht mit zittriger Stimme das Wörtchen „Abfindung“ aus. Schlagartig ist es ruhig. Etwas verlegen suchen die Vorstände ihre Ohrensessel auf, auch der übrige Heerhaufen verhält sich nun ruhig, über allem steht plötzlich der CEO in einem sonderbaren Licht, das wirkt, als käme es direkt aus der Röströhre im Solarium. Ich höre, wie der Mann immer größere Zahlen in den Mund nimmt und die Versammlung sich nach und nach in einen ekstatischen Jubel hineinsteigert. An dieser Stelle verlasse ich den jour fixe und sage mir: nie wieder!

Patrick Wilden, 17. Januar 2007
ID 2919




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