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Einen Monat von seinem Ende her zu betrachten ist etwas ganz anderes, als an seinem Beginn einen Ausblick zu wagen. Am Anfang war Sommer, nun ist Herbst. Und der Übergang zwischen beiden erfolgte durch die Pariser Métro. Nur so ist es jedenfalls zu erklären, daß ich dieses sanfte Hinübergleiten verpaßt habe, das Kurt Tucholsky einmal als „fünfte Jahreszeit“ bezeichnet hat.
Das Prinzip der Unterquerung von Paris ist seit Jahrzehnten dasselbe geblieben, ein sehr demokratisches Prinzip. Um in der Hauptstadt Frankreichs von einem Kopfbahnhof zum anderen zu kommen, benutzt ein jeder die U-Bahn. An Ticketautomaten mit lustigen Drehrädern werden Fahrkarten erworben, die sich in einen Schlitz an der Zugangsschleuse einführen lassen. Natürlich hat man seinen sperrigen, 25 Kilo wiegenden Koffer schon vor den Leib geschnallt, denn das Tor öffnet sich nur einen winzigen Augenblick. Ich habe ältere Damen mit Ziehköfferchen gesehen, die verzweifelt an ihrem Reisebedarf zerrten, der jenseits der Barriere geblieben war.
Dann ist man drin, im Niemandsland. Vor zehn Jahren, als ich letztmalig unter Paris durch die Seiten wechselte, bewarb man in den langen, schwülen Gängen noch Kleidung mit Plakaten von hübschen, nackten Frauen. Heuer hängt dort spießige C&A-Werbung neben aufdringlichen Bannern für die Mobiltelefonie. Ansonsten hat sich, wie gesagt, wenig verändert.
Bald darauf trat ich wieder heraus aus dem Vakuum und verbrachte zwei Wochen am Atlantik. Ich dachte oft an Tucholsky zwischen meinen Apfelweinen, Käsen und Meeresfrüchten, die man dort, wo ich war, mit Sahne ißt. Wenn die Flut mit Wellengang herankam oder ein kalter Schauer von Westen über die Küste peitschte, wenn ich die Rentnerkarawane mit lustigen Forken und Eimerchen zum Meeresgetierpflücken ins Watt ausziehen sah und nebenbei auf meiner Terrasse, belgisches Bier im Glas und Jacques Brel im Ohr, Postkarten und Schreiben in allewelt aufsetzte, war ich allerdings zu abgelenkt, um auf den Herbstbeginn zu achten.
Und unversehens steckte ich wieder im Röhrensystem unter Paris. Statt nach Herbst roch es dort nach Gummi und Ausdünstungen, dieser scharfe Untergrundgeruch, der sich in allen Schächten der Welt gleicht. Mir fiel ein zerfledderter Bildbericht über das „Belagerte Paris“ wieder ein, den ich vor kurzem einmal in den Händen hielt, worin die Ereignisse im Nachgang des preußischen Sieges über das französische Kaiserreich im September ’70 minutiös und emotional geschildert werden. Und einen Moment lang roch es in den Tunneln statt nach Metropolenabrieb nach Pulverdampf. Am Ostbahnhof pupste mich das unterirdische Gedärm wieder mitten unter die Pendler des beginnenden Feierabendverkehrs. In einer hektischen Bahnhofsbuchhandlung erwarb ich ein Buch, mit dem ich mich anschließend, den 25 Kilo wiegenden Koffer neben mir, in der milden, leicht sonnigen Nachmittagsstimmung auf die Terrasse eines Cafés in der Bahnhofshalle setzte.
Ich schlug es an irgendeiner Stelle auf und las: „Tausende unnützer Handlungen ballen sich im selben Moment im viel zu engen Winkel deines beinahe neutralen Blicks. Die Leute strecken gleichzeitig ihre rechte Hand aus und drücken sie, als wollten sie sie zerquetschen, sie senden mit ihren Mündern ganz offensichtlich sinnlose Botschaften in die Welt, lassen ihre Wangen, ihre Nasen, ihre Brauen, ihre Lippen, ihre Hände in alle Richtungen schweifen, indem sie ihre Worte mit expressiver Mimik unterlegen; sie holen ihre Kalender hervor, gehen aneinander vorbei, grüßen sich, schnauzen sich an, beglückwünschen sich, schubsen sich; sie bahnen sich ihren Weg, ohne dich zu beachten, und trotzdem bist du nur wenige Zentimeter entfernt von ihnen, sitzt auf der Terrasse eines Cafés und schaust ihnen unverwandt zu.“
Ich klappte das Buch zu, und es war Herbst.



(c) Patrick Wilden 2008




Patrick Wilden, 29. September 2008
ID 4014






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