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Patrick Wildens jour fixe



Verdammt. Es ist September, und der Augusttext ist nicht fertig geworden. Ich habe das schon im August kommen sehen. Gleich zu Beginn des Monats dachte ich: Du mußt einen Text schreiben, es wird dir sicherlich nicht schwer fallen, denn du hast viel erlebt. Allerdings hatte ich keine Ferien erlebt, sondern den ganz normalen Alltag. Es ist wunderbar, wenn man den Alltag gegen den Strich bürsten kann, wie ein dunkles, unscheinbares Fell, das plötzlich zu glänzen anfängt. Allerdings ist dieser Alltag so leicht zu übersehen. Und wenn nicht gerade Ferien sind, vergehen die Wochen wie im Fluge und ohne daß man sich so richtig ihrer bewußt wird. Ehe ich mich in relaxter Art und Weise daran machen konnte, den Augusttext zu finden und zu erfinden, waren Geburtstage zu feiern. Es galt Kuchen zu backen, und ich überlegte, ob ich es meiner Kollegin, die de facto eine Obstplantage besitzt, zumuten könne, mir einige Kilo Fallobst für den Apfelkuchen mitzubringen. Im Moment, als ich meinen Wunsch äußerte, tat es mir schon wieder leid, ihr die Schlepperei aufzuhalsen. Immerhin brachte sie mir die Äpfel gerne, denn so verrotteten sie wenigstens nicht auf der Wiese. Ich machte einen Kuchen daraus und hatte letztendlich noch zwei Drittel übrig. Nach einer Woche, als neuerlich ein Geburtstag anstand, war die Hälfte davon verdorben; das sind die Fäulnisprozesse des Sommers. Von dem verbliebenen Drittel gelang es mir, noch einen weiteren Kuchen zu fabrizieren, ohne Zukauf von Äpfeln, denn die Kollegin konnte ich nicht um weitere bitten, da sie für drei Wochen in die Ferien gefahren war. Allerdings hätte ich am darauffolgenden Wochenende Zugriff auf Äpfel gehabt, da ich mich am Sonntagnachmittag mit einem Freund ins Umland aufmachte, um in einem kleinen Schloß den Sommernachtstraum zu erleben. Wir waren frühzeitig dort, die Zufahrtsstraßen zwischen den riesigen, abgeernteten Feldern wurden immer schmaler, und als es kaum mehr weiterzugehen schien zwischen Hecken, Häuschen und eingewachsenen Tordurchfahrten, stand da plötzlich ein rostiges Hinweisschild und wies einen Parkplatz in der Obstplantage aus. So parkten wir denn zwischen Apfelbäumchen. Wenn ich die Scheibe herunterkurbelte, konnte ich in Äste voll rotwangigen Kernobsts greifen, der Freund auf seiner Seite räuberte zwischen grünen und gelben Früchten. Fast wären wir nicht mehr aus dem Auto gekommen, und der Sommernachtstraum hätte ohne uns angefangen. Im Rittersaal des kleinen Schlosses verfolgten wir dann gebannt das Shakespearesche Verwirrspiel, in dem unter anderem Elfenkönig Oberon seine durch einen Blütensaft betörte Gattin Titania dazu bringt, sich vom eselköpfigen Demetrius begatten zu lassen. Auf dem Höhepunkt dessen hat der Spuk allerdings ein Ende, und zum Schluß singen Oberon und Titania, wieder traulich vereint, zu Henry Purcells melancholischer Musik:

Was quält mich die Liebe, ist sie doch so süß?
Ist sie bitter, oh sag, warum ich sie genieß’?


Soweit zur heranreifenden Liebe. Am letzten Wochenende des Augusts besuchte ich Freunde auf dem Land ein paar hundert Kilometer entfernt von hier, die einen großen, fruchttragenden Garten besitzen. Es war ein turbulentes Wochenende, an dem geheiratet und gefeiert wurde, und leider gab es auch ein paar Schrammen. Nach meiner Heimkehr am Sonntagabend, dem letzten Tag des Monats, stand ich gegen elf Uhr noch in der Küche, um all das frische Obst noch zu verarbeiten, das ich mitgebracht hatte. Und plötzlich schoß es mir durch den Kopf: Du hast den Augusttext nicht geschafft! Dafür habe ich jetzt jede Menge Brombeermarmelade und Pflaumenmus.


Patrick Wilden, 2. September 2008
ID 3971




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