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Patrick Wildens jour fixe



Die Sauen drängen sich im Dickicht des Waldes. Zerzaust, doch nach wie vor schwarzbraun gesuhlt, so schnappen sie zwischen den Kiefernzapfen nach Luft. Es sind die Schweine des Krieges, über die die Offensive gnadenlos hinwegfegt. Das Schlachtvieh, das, im Hagel der Geschosse hoppelnd, Schutz sucht inmitten von Stümpfen, die einmal Bäume waren, Stümpfe, an denen einst die Keiler ihre Hauer blank wetzten, um ihren Bräuten zu gefallen.
Doch nun ist der Orlog über sie gekommen. Ganz gleich ob Vater, Mutter oder Frischling – der Kugelhagel trifft sie alle. Schon den vierten Angriff reiten sie, die Waidgrünen, mit ihren Schrotflinten und abgeschlagenen Fellbüscheln als Standarten. In düsteren Panzerwagen rollen sie an, und fröhlich ist ihr Gelächter vor dem Sturm.
„Seht“, sagt die alte Sau mit gramverzerrtem Gesicht, „uns war das Paradies verheißen, dort, am Franzosenfriedhof, hinterm Maschendrahtzaun.“
„Das Paradies?“ wispern klagend die Jungtiere, während sie die Kugeln vorüberzischen hören. „Was ist das Paradies?“
„Das Paradies ist das Land, in dem immer Frühling herrscht. Reichlich Schlamm, um sich drin zu wälzen, schäumender Regen, der das Fell glänzend wäscht, immer genügend Futter, Grünen und Blühen das ganze Jahr.“
Ach, wie die anderen, erfahrenen Sauen da aufseufzen. Wie viele Monde ist es her, daß der Oberjäger nachts auf der Lichtung seine Rede hielt?
„Es gibt ein Paradies“, hatte er in die mitternächtliche Stille des Waldes hineingerufen, „ein Paradies auch für die Schweine, die unter dem freien Himmel wohnen.“ Und er konnte sich sicher sein, daß das Wildbret seinen Worten lauschen würde. Doch müßten sie sich auf eine Zeit des Spießrutenlaufs einstellen. Vier Hatzen würden sie zu ertragen haben, Hatzen, die von mächtigen Männern befohlen worden waren, gegen die der Jäger nichts unternehmen könne.
„Grünen und Blühen“, wiederholt mahnerisch die alte Sau in das Wehklagen hinein, das von einem Rudel Frischlinge kommt, in das just eine Prise Schrot hineingeniest worden ist – die Peiniger müssen ganz nahe sein. Was für eine Wahl hatten sie gehabt, die Schweine?
„Hatz vier“, schnaubt Eberhard, da er das Blut der Jungtiere fließen sieht. Er ist der entschlossenste unter den Keilern, dessen einziges Ziel es ist, so viele von ihnen wie möglich hinter den Maschendrahtzaun zu bringen. „Genug ist genug.“ In seiner Stimme sammelt sich der Haß ganzer Generationen, denn er hat einen der Jäger erspäht, einen rotwangigen Glatzkopf, der, lax seinen Schießprügel über der Schulter balancierend, in Gedanken schon bei der Siegeszigarre ist, als er nun auf ihr Dickicht zugeschlendert kommt.
Mit einem Röhren schießt der gewaltige Eber aus dem Unterholz und begräbt den kreischenden Mann und das Schicksal einer ganzen Wildschweinpopulation unter sich.
Wissen Sie überhaupt, wie schwer so ein Tier ist?
Die Sauen drängen sich im Dickicht des Waldes. Zerzaust, doch nach wie vor schwarzbraun gesuhlt, so schnappen sie zwischen den Kiefernzapfen nach Luft. Es sind die Schweine des Krieges, über die die Offensive gnadenlos hinwegfegt. Das Schlachtvieh, das, im Hagel der Geschosse hoppelnd, Schutz sucht inmitten von Stümpfen, die einmal Bäume waren, Stümpfe, an denen einst die Keiler ihre Hauer blank wetzten, um ihren Bräuten zu gefallen.
Doch nun ist der Orlog über sie gekommen. Ganz gleich ob Vater, Mutter oder Frischling – der Kugelhagel trifft sie alle. Schon den vierten Angriff reiten sie, die Waidgrünen, mit ihren Schrotflinten und abgeschlagenen Fellbüscheln als Standarten. In düsteren Panzerwagen rollen sie an, und fröhlich ist ihr Gelächter vor dem Sturm.
„Seht“, sagt die alte Sau mit gramverzerrtem Gesicht, „uns war das Paradies verheißen, dort, am Franzosenfriedhof, hinterm Maschendrahtzaun.“
„Das Paradies?“ wispern klagend die Jungtiere, während sie die Kugeln vorüberzischen hören. „Was ist das Paradies?“
„Das Paradies ist das Land, in dem immer Frühling herrscht. Reichlich Schlamm, um sich drin zu wälzen, schäumender Regen, der das Fell glänzend wäscht, immer genügend Futter, Grünen und Blühen das ganze Jahr.“
Ach, wie die anderen, erfahrenen Sauen da aufseufzen. Wie viele Monde ist es her, daß der Oberjäger nachts auf der Lichtung seine Rede hielt?
„Es gibt ein Paradies“, hatte er in die mitternächtliche Stille des Waldes hineingerufen, „ein Paradies auch für die Schweine, die unter dem freien Himmel wohnen.“ Und er konnte sich sicher sein, daß das Wildbret seinen Worten lauschen würde. Doch müßten sie sich auf eine Zeit des Spießrutenlaufs einstellen. Vier Hatzen würden sie zu ertragen haben, Hatzen, die von mächtigen Männern befohlen worden waren, gegen die der Jäger nichts unternehmen könne.
„Grünen und Blühen“, wiederholt mahnerisch die alte Sau in das Wehklagen hinein, das von einem Rudel Frischlinge kommt, in das just eine Prise Schrot hineingeniest worden ist – die Peiniger müssen ganz nahe sein. Was für eine Wahl hatten sie gehabt, die Schweine?
„Hatz vier“, schnaubt Eberhard, da er das Blut der Jungtiere fließen sieht. Er ist der entschlossenste unter den Keilern, dessen einziges Ziel es ist, so viele von ihnen wie möglich hinter den Maschendrahtzaun zu bringen. „Genug ist genug.“ In seiner Stimme sammelt sich der Haß ganzer Generationen, denn er hat einen der Jäger erspäht, einen rotwangigen Glatzkopf, der, lax seinen Schießprügel über der Schulter balancierend, in Gedanken schon bei der Siegeszigarre ist, als er nun auf ihr Dickicht zugeschlendert kommt.
Mit einem Röhren schießt der gewaltige Eber aus dem Unterholz und begräbt den kreischenden Mann und das Schicksal einer ganzen Wildschweinpopulation unter sich.
Wissen Sie überhaupt, wie schwer so ein Tier ist?


Patrick Wilden, 30. August 2004
ID 1207




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