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Manchmal fragt man sich doch, wie alles begann. In jenem Kino zum Beispiel, irgendwo im Stadtgebiet Berlins, an einem selbst meiner Erinnerung inzwischen unbekannten Ort in diesem Gewirr aus Teer, Straßenkot, blätternden Fassaden. Es muß noch vor der Invasion der indischen Köche gewesen sein, denn meine Erinnerung kommt an dem Punkt wieder zu Bewußtsein, da ich, von den düsteren Blicken türkischer Türsteher verfolgt, auf eine Bushaltestelle zusteuerte, wo selbst zu nachtschlafender Zeit noch gelegentlich etwas fuhr. Geblieben aber sind mir von jenem Abend vor allem zwei Zeilen, die einem knappen Gedicht ähneln, im vierhebigen Jambus verfaßt, könnte man sagen:
And then we went to Halbestadt
und fahren durch die halbe Nacht.
Diese Verse haben sich in meinem Kopf kristallisiert (wobei ich auch nicht auf jedem Wort bestehe – so ist das mit dem Wiedererzählen von Geschichten). Ganz gelegentlich kamen sie mir im Laufe der Jahre wieder zu Bewußtsein, und ich fragte mich immer verwunderter, ob ich sie wirklich je gehört hatte, in diesem Kino, in diesem düsteren Krimi, den ich damals sah und von dem ich mir kaum mehr vorstellen konnte, ob es ihn tatsächlich gibt oder ob nicht alles meiner misanthropischen Erinnerung entwachsen war.
Inzwischen weiß ich: es ist alles wahr gewesen – auch wenn ich das Kreuzberger Kino (war es überhaupt Kreuzberg? oder doch Neukölln?) nicht mehr finden würde. Neulich stand ich in einer anderen Stadt im Winkel eines alten Schlachthofs, wo statt der Schweine und Rinder heute Musiker schreien, und zwar von einer Bühne herab. Die Luft war weniger stickig, als man es von solchen Bandauftritten sonst gewöhnt ist, doch trat mir mit einem Mal wieder die düstere, sepiafarbene Atmosphäre des vor Urzeiten in Berlin gesehenen Films vor Augen. Ich dachte an dieses Halbestadt und fragte mich, ob es dort auch romanische Kirchen oder nur finstere, faulende Archive gab, die alten Bergstollen glichen, in die sich der Inspektor an einem Seil hinabgleiten ließ. Und an einen Ort namens Friedingen dachte ich, während ich im Rhythmus der Musik hin- und herwippte, von dem mir allerdings gar kein Bild geblieben ist; und an dieses Huchting, hinter dem, sagt man, ein Graben liegen soll, in den sich einer übergibt. Ob darin bereits ein elementares Verbrechen liegt, wie mir das Programm des Konzertes, dem ich gerade lauschte, suggerierte?
Doch dann sah ich wieder auf den blonden Schopf der Frau neben mir, die ich am Morgen in der Straßenbahn kennengelernt hatte. Ich weiß noch: als sie einstieg, war ich wie jeden Tag lang schon eng befreundet mit den Leuten, die auf meinen Füßen stehen. Sie hielt einen Stadtplan von Halbestadt in der Hand, und so waren wir ins Gespräch gekommen, auch über das Konzert, und hatten beschlossen, gemeinsam hin zu gehen, schon weil ein Konzertbesuch zu zweien immer wesentlich schöner ist als allein. Nun sah ich inmitten der wogenden, wippenden Masse der Zuhörer an ihr herunter und mußte mir endlich eingestehen: Wo ihre Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt.
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Patrick Wilden, 20. August 2006 ID 2608
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