Soll ich euch was sagen? Ich habe gerade ein gutes Buch ausgelesen und bin jetzt eigentlich so richtig in der Laune, eine alleszermalmende, bitterböse, durch Mark und Bein gehende politische Kolumne zu schreiben. So eine, die es in sich hat. Die wie eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der Gesellschaft ist. (Der Leviathan hat viele Gesichter, ich weiß; es wäre mir auch ehrlich gesagt zu anstrengend, die alle zu ohrfeigen.) Wie das der Andruchowytsch neulich auf der Leipziger Buchmesse gemacht hat, als er diesen Preis entgegennahm. Der hat sich so lange und ausführlich und charmant garniert mit fiesen Schlägen unter die Gürtellinie der EU-Oberen dafür bedankt, bis sich das Publikum am Ende seiner Kräfte auf dem Boden wälzte. Nein, ganz so schlimm war’s nicht. (Immerhin, die taz und die SZ haben was Positives drüber gebracht.) So ähnlich jedenfalls hätte ich mir das vorstellen können. – –
Aber wie das so geht: die Zeitläufte stehen dagegen. Ein schönes Wort, nicht wahr? Könnte man lange bei verweilen, besonders bei diesem irren „t“, das da so gar nicht hineinzugehören scheint. Ich meine auch eher die Wasserläufe als die Läufte, die die Zeit so zurücklegt. Dazu muß ich kurz biographisch ausholen. Schon seit ich denken kann lebe ich in Orten, durch die ein Fluß fließt. Oder sagen wir besser: ein Fließgewässer, denn das Rinnsal, welches das Dorf meiner Kindheit durchströmte, war allenfalls ein Bächlein. Mir ist das so selbstverständlich wie anderen Leuten die Morgenzeitung. Es ist sogar so normal, daß ich die Fließgewässer in den Orten, in denen ich bisher gewohnt habe, gar nicht bemerkt habe.
Mit der Stadt, in der ich inzwischen lebe, ist das anders. Dort gibt es auch einen Fluß, und verglichen mit anderen Flüssen oder auch mit sich selbst an der Stelle, wo er ins Meer mündet, ist er gar nicht mal so groß. Aber er hat’s in sich, das muß ich schon sagen. Vor allem Wasser hat er in sich, all das Wasser, welches gestern noch Schnee war und auf so adretten Berglein wie der Schneekoppe (Snežka) oder dem Schneeberg (Snežík) herumlag. Inzwischen hat dieser Schnee den Aggregatszustand und auch die Farbe gewechselt und sich unserem städtischen Fließgewässer anvertraut. Und jedes Jahr zur Zeit der Schneeschmelze kann man in dieser Stadt einen Eindruck davon kriegen, wo dieser Fluß überall hineingeht.
Jedenfalls nicht nur in sein Bett. Ein hübsches Bild, nicht wahr? Der Fluß liegt in seinem Bett und schnarcht so vor sich hin. So ist es ja auch eigentlich tagaus tagein – nur die jährliche Frühjahrsflut treibt ihn hoch, jagt ihn aus seinem Bett und in die Gärten und Häuser anderer Leute hinein. Im Körnergarten drüben in Loschwitz steht er schon an der Theke, will wohl mal schauen, was die Bar so hergibt. Im Schillergarten gegenüber, wo ich war, zechten hingegen noch die Bewohner und die vielen Leute, die sich – wie ich – nicht so recht vorstellen können, wo sich der Fluß so herumtreibt auf seiner Bettflucht.
Aber ich sage euch noch was anderes: das alles ist eigentlich gar nicht schlimm. Nein, ganz im Gegenteil, es ist sogar richtig nett gemeint vom Fluß, daß er auf seine Weise am städtischen Geschehen teilnimmt. Muß ich das jetzt auch noch erklären? Also gut: die Stadt hat heute, am einunddreißigsten März des Jahres zweitausendsechs, Geburtstag und wird exakt achthundert Jahre alt. Nicht schlecht, was? Riesenparty in der Oper mit Staatsempfang und Festrede von Volker Braun undsoweiter. Und der Fluß erhebt sich aus seinem Bett und feiert mit – so einfach ist das!
Ich verstehe gar nicht, daß ich hier der einzige sein soll, der das bemerkt.
Patrick Wilden, 31. März 2006 ID 2318
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