Es ist tatsächlich vollbracht. Die Musik ist verklungen, der festliche Umzug vorbei. Die Festtagsgemeinde ist ausgeströmt, hinein in die alten neuen Cafés, Shops, Hotels und in die gepanzerten Limousinen.
Ich blicke mit neuen Augen auf die Welt. Das heißt, die Augen sind dieselben geblieben, aber sie blicken nicht mehr tagaus tagein auf die Fleischerei gegenüber, sondern auf hübsche Stadtvillen, die zwischen Garagengrundstücken und Altneubauten parken. Vorm Haus wirft inzwischen eine Gaslaterne ihren matten Schein ins Dunkel, das dadurch kaum weniger undurchdringlich wird, und einsame Witwen gehen, die Taschenlampe im Anschlag, mit ihrem Fifi Gassi.
Doch zurück zum festlichen Umzug, den wir extra zur Kirchweih von Unser Lieben Frau Kirche veranstalteten. Der Herr Bundespräsident kam, die alte Garde und die neue Politikerkaste ebenso wie unzählige Stifter, Spender, Groupies. Andächtig lauschten sie alle den weihevollen Worten, die der erste Mann im Staat für die Kirchweih fand, und Funk und Fernsehen sandten sie in die Welt hinaus.
Leider nur hat von unserem Umzug kaum jemand Notiz genommen. Niemand hat unseren Schweiß tropfen und unsere Arme immer länger werden sehen. Wir kamen allerdings auch ohne Straßensperrungen und besondere Polizeiverordnungen aus, in denen das Fahnenschwenken und das Werfen mit Gegenständen, die verletzen könnten, verboten waren. Da wir jede Menge Bücher auf unserem festlichen Umzug dabei hatten, die geradezu tödlich wirken, wenn ein Bücherregal, vor dem man steht, kollabiert, mußten wir die Pressemeute weiträumig umfahren, die direkt neben der Kirche parkte. Weit gereist indes war unser Publikum. Zur Festgemeinde zählten Menschen aus der Mitte, dem Westen und dem Südwesten unseres großen Landes. Welche Welten dazwischen liegen, und doch kamen sie alle, um am festlichen Umzug teilzunehmen.
Immerhin konnten wir am Ende den Herrn Organiste für unsere Sache einnehmen, als er gewinnend lächelnd um unseren Umzug herum zu seinem Auto stiefelte, um zur Kirche Unser Lieben Frau aufzubrechen und die Orgel zu schlagen wie weiland der große Bach. Abends, als der festliche Umzug vorüber war, sandte er uns ein paar dankbare Synthesizerakkorde hinauf in die zweite Etage. Sie waren bald verklungen im Treppenhaus, doch unter der 51 Meter hohen steinernen Glocke konnten sich die Töne so schön entfalten, daß sie noch siebeneinhalb Sekunden nachklangen.
Patrick Wilden, 13. November 2005 ID 2123
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