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Patrick Wildens jour fixe



Man muß sich immer erst an neue Bilder gewöhnen. Auf diesen Seiten war ja schon gelegentlich von Ausblicken aus dem Fenster die Rede: der gemütliche Garten, das persönliche Parkhaus, die heimische Hausschlachterei. Wenn der Vorhang aufgeht zur neuen politischen Bühne, reibt man sich, so gut auch immer die Vorabinformationen waren, in die man anschließend seine Stullen wickelt, erst einmal die Augen, während man schon damit begonnen hat, die Fressen, die einem so schrecklich bekannt vorkommen, zur neuen Ahnengalerie des Vaterlands zusammenzustellen. So auch in unseren Tagen. Da wird die frisch inthronisierte dritthöchste Politikerin des Landes vom Präsidenten aller Franzosen mit einem Handkuß verabschiedet und weiß, das ist ganz offensichtlich, genauso wenig wie Ernst-Hajo Neutzsch oder Ermelinda Altöttinger vorm Fernseher so richtig, wie ihr geschieht. Auf einen Schlag wechseln zahllose Häuser ihren Hausherrn oder auch ihre Hausfrau – in Berlin und anderswo. Was der neue Finanzminister wohl denkt, wenn er so aus seinem Haus der Flieger auf die Niederkirchnerstraße blickt, wo einst die Mauer verlief und dermaleinst das Reichssicherheitshauptamt das Grauen verwaltete, das es hinter seinem sperrigen Namen verbarg? Heute war ich Zeuge, wie ein Herr in einem Restaurant lauthals eine Quittung für seine Spesenabrechnung verlangte – sonst schimpfe der Finanzminister wieder, behauptete er. Dabei nannte er jedoch zunächst den falschen Finanzminister, den, der heute seinem Nachfolger das Zepter überreichte. Oder auch den Stab. Finanzen, Bilanzen – Rechnen hat ja weniger mit Regieren als mit Sport zu tun, mit Um-die-Wette-Rennen, Denksport. Ob nun also der neue Finanzminister am Fenster des früheren Reichsluftfahrtministeriums steht und sich vorstellt, wie er mit seinem Sportwagen mit hundertfünfzig Sachen die Zimmerstraße runterbrettert? Ich schaue zur Zeit auch gerne aus dem Fenster – man muß die vielen neuen Eindrücke schließlich genießen, solange sie noch jung sind. Dabei sehe ich nicht nur den Witwen mit ihren Hundchen im Schein der Gaslaternen zu, sondern höre auch Jugendliche mit bereits ganz apartem Raucherhusten durchs geschlossene Fenster bellen. Und die Sportwagen, von denen unser neuer Finanzminister vielleicht noch träumt, die gibt es wirklich, und sie brausen auch tatsächlich mit hundertfünfzig Sachen durch die Tempo-30-Zone an meinem Haus vorbei, was auf dem Kopfsteinpflaster besonders schön brummt. Und ich freue mich dann immer, daß ich drinnen bin und so einen schönen Ausblick habe. Und daß es so muckelig warm ist. Gelegentlich muß aber auch ich im von polaren Kältefronten eingetrübten November mal ein Fenster öffnen. Dann nämlich, wenn der Kanalgeruch in der Küche unerträglich wird. Durch eine ungeschickte Operation des Hausmeisters landete kürzlich der Inhalt des verstopften Abflußrohres in meiner neuen, frisch renovierten Küche und mit ihm aller Rotz, der sich schätzungsweise seit dem Bau der Berliner Mauer im Fallrohr angesammelt hat. Gut, gut, das kann jedem mal passieren, besonders wenn die Umgebung noch ungewohnt ist. Aber soviel habe ich daraus gelernt: es gibt nicht nur neue Bilder, an die man sich gewöhnen muß.

Patrick Wilden, 23. November 2005
ID 2141




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