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Kurz nach der Fahrprüfung hatte Phaëthon Mühsam es satt, ohne Geld und Auto in Knipperode herumzusitzen. Er kriegte seine Mutter soweit, daß sie die Adresse seines Erzeugers herausrückte, "Im Wiesengrund 2", hickste Klymene nach dem fünften Klosterfrau Melissengeist, und Phaëthon machte sich auf den Weg.
"Hi Alta", begrüßte er den verdutzten Phöbus Mühsam, der ihm in einem zerknitterten Hausmantel die Tür öffnete.
"Was kann ich für dich tun?" fragte der alte Mühsam und setzte mit dem Zittern der Erkenntnis hinzu: "Mein Sohn." Lange schon hatte der Diplomklimatologe diesen Tag vorhergesehen, nun wunderte er sich ein wenig, daß die Sonne nicht schien.
"Ja, ich dachte, du leihst mir vielleicht mal deinen Wagen", sagte Phaëthon, machte kehrt und lief auf die metallicfarbene Limousine im Carport zu.
'So ein Lümmel', dachte Phöbus Mühsam, während er mit aufkeimender Wut seiner lange verschmähten Brut nachjagte, 'unsere erste Begegnung nach Jahren, und er will nur die Karre, die noch nicht mal abbezahlt ist.'
"Strafe verlangst du statt eines Geschenks", sagte er japsend zu Phaëthon, der schon im Auto saß, als er ankam. "Ich will dir den Wagen geben, mein Sohn, doch hüte dich vor den Autobahnen."
Der Schlüssel glänzte einladend im Zündschloß. Während sein Vater ihm in aller Eile die Tücken der 420-PS-Maschine erklärte, streckte Phaëthon den Fuß zum Gaspedal aus, das sich anfühlte wie Parkettboden, mit Wonne überflog er die dunkel schimmernden Armaturen und umschmeichelte den ledernen Schalthebel. Gelassen startete er den Motor und schoß vom Hof, während er den alten Mühsam noch rufen hörte: "Nimm also das Steuerrad fest in die Hand, mein Sohn, oder, wenn sich dein Herz noch umstimmen läßt, so nimm meine Warnung an, nicht meinen Wagen..."
Ein Gewitter zog auf, doch davon bekam Phaëthon hinter den getönten Scheiben nichts mit. So sanft schaukelte ihn die Federung über das Kopfsteinpflaster der Dörfer, daß er gar nicht merkte, wie ihn der Bordcomputer zur Autobahn lenkte. Zu spät stellte er fest, daß das Gerät darauf programmiert war, die Strecke Köln-Frankfurt in neununddreißig Minuten zu schaffen. Bei Tempo 250 bekam er einen klebrigen Schweißausbruch, und als sich der Zeiger des Tachometers der 300 km/h-Marke näherte, wünschte er, er hätte nie und nimmer einen Fuß in dieses abscheuliche Auto gesetzt.
Doch zum Glück gab es, wie in jedem potentiellen James-Bond-Wagen, einen Schleudersitz. Mit einem gewaltigen Ruck wurde Phaëthon in die Höhe gerissen. Leider war die Brücke, auf der er sich gerade befand, 161 Meter hoch, und der einschlagende Blitz ließ ihn niedergehen wie einen Kometen.
"Hic situs Phaëthon" war auf dem Grabstein zu lesen. Und darunter: "Mit Daimler wäre das nicht passiert."

Patrick Wilden,
13. Juli 2003
Der Verfasser dankt P. O. Naso und seinem Übersetzer G. Fink für diese brillante Geschichte.
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