Ein eigenartiges Spektakel konnte ich in letzter Zeit vor meiner Haustür beobachten. Da schritt ein sommerlich nachlässig gekleideter, bronzierter Typ mit gewichsten Haaren auf einen schwarzseidenen offenen Jeep zu, in seinen Händen wogten zwei Banner. Während ich so mein Fahrrad an ihm vorbei zur Straße schob, befestigte er mit dem selbstverständlichsten Gesichtsausdruck, der sich denken läßt, und bespiegelt nur von den stolzen Blicken seiner tief ausgeschnittenen Freundin, die schwarzrotgoldene Pracht an seinem hochrädrigen Gefährt. Und mit gar nicht mal anmaßend quietschenden Reifen scherte er alsbald aus der Parklücke aus – die Fahnen knatterten lustig im Wind.
Wer in diesem Land derzeit eine Straße entlang blickt, an der Autos parken, stößt unweigerlich auf heimische Trikoloren. An billigen, zwischen Tür und Fenster geklemmten Plastikhalterungen hängen sie schlaff, die patriotischen Wimpel, schwarzrotgold, made in China. (Ich habe in der Stadt auch von einem Hochhausbalkon ein Exemplar hängen sehen, aus dem Hammer und Zirkel im Ährenkranz noch nicht herausgeschnitten waren; aber das nur nebenbei.) Jeder ist da plötzlich ein Exponent unseres harmlosen kleinen Deutschlands, das sich selbst der Welt, die bei ihm zu Gast ist – oder vielmehr dem bißchen Welt, das so kurz vor dem Ende der Spiele noch übrig geblieben ist –, nur von der freundlichsten Seite zeigen will. Ein bißchen ratlos blicke ich vom Fahrradsattel herab auf diesen Fahnenwald, das gebe ich gerne zu, und lasse die Gedanken ins Kraut schießen.
Es war, denke ich dann, während ich über blanke Kopfsteine hüpfe, die schöne Utopie der Kameraden Kat und Tjaaden in Remarques Im Westen nichts Neues, daß, wenn wieder einmal Krieg drohe, die Staatshäupter und ihre Regierungen anstelle der Soldaten gegeneinander antreten sollten, mit Knüppeln auf einem Fußballfeld. So gesehen, befinden wir uns in einer Art Kriegszustand, nur daß dieser nicht von der Politik, sondern ganz pazifistisch von der Fédération internationale de football association, kurz Fifa, erklärt worden ist. Ein merkwürdiger Krieg ist das, ein durchregulierter Vier-Wochen-Krieg, bei dem keiner zu Schaden kommt, aber harmlos ist er deswegen noch lange nicht. Er entspricht in gewisser Weise der Tjaadenschen Idee, nur daß es heute professionelle Ledertreter sind, die mit einem Ball hantieren, und daß die politische Klasse nicht um die Macht besorgt sein muß, sondern zusammen mit allen anderen Fans in der Südkurve oder vor den public viewing screens sitzen und den Recken zujubeln kann.
Die wackeren Autobesitzer aber, die sich farblich so ansprechend positionieren, bilden zu alledem riesige motorisierte Truppenkontingente. Von einem solchen Mobilisierungspotential kann jede zeitgenössische Armee nur träumen. Ja, man könnte, wenn wir nicht in so friedliebender Zeit lebten, gar den alten Volkskriegsgedanken wieder aus der Klamottenkiste holen. Waren es nicht die Lützower Jäger in ihrer schwarzen Uniform mit den roten Vorstößen und goldenen Knöpfen, die in einer frühen Form von Weltmeister-Patriotismus den Erbfeind Napoleon aus dem Land jagten? Hier leuchten mit einem Mal die patriotischen Anfänge der Nation im frühen 19. Jahrhundert wieder auf. Und wie leuchten sie? Schwarzrotgold. Theodor Körner wäre gewiß ein begeisterter Fußballfan gewesen.
Ob er uns fehlen wird, der Fahnenwald, wenn er in ein paar Tagen wieder abgeholzt wird?
Patrick Wilden, 30. Juni 2006 ID 2508
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