Warum nur sind die Menschen hier so häßlich? Liegt es daran, daß sie immer mit der einen Hand nach ihrem Bierglas, mit der anderen nach ihrem cell phone greifen? Vielleicht ist die Gier nach Bier und Sucht nach Information ursächlich mit der Entwicklung von Physiognomie und Sprechweise verbunden. Oder ob es an den letzten Wespen dieser Saison liegt, die sich kampflustig auf die Kuchenstückchen, Bierseidel und Schweinekoteletts stürzen, die vor den Menschen auf Tellern ruhen? Andererseits werden diese Vorräte mit Vehemenz und einer gewissen rapidité niedergekämpft, und außerdem war dieses Jahr kein sonderlich guter Wespenjahrgang, weshalb sich nicht mal jemand über die gestachelten Naschfliegen aufregt.
Daß mir die Menschen rings herum häßlich erscheinen, könnte natürlich an dem permanent wechselnden Cocktail aus Gerüchen liegen, der mir im böigen Ostwind an die Nase flattert. Die Friteusen sind nahe, die Kaffeemaschinen auch. Versteckte Parfums mischen sich darunter und werden prompt sichtbar in einer üppig geschminkten, blondierten Frau, die am Nachbartisch ein Tablett mit einem Ragout aus Grillwaren für die ganze Familie ablädt. Kinder umspielen das ganze, lauter kleine Sarahs und Anna-Lenas, die von ihren Müttern zur Ordnung gerufen werden. Auch der Sprachbrei ist recht zäh, er wird eifrig weiter zerkaut und mit einem Stückchen Brezel und einem Schlückchen Schwarzbier heruntergespült.
Gläserklirren von der Bar her, der Zapfhannes ruft Bestellungen nach hinten. Und wieder erscheint ein mit zwei Henkelgläsern vergorener Hopfenbrause glücklich gemachtes Pärchen in den Dreißigern, in Goretex-Jacken gehüllt, und blickt suchend in die Runde. „Dorte! Dorte!“ schreit eine andere Frau neben ihnen, die soeben die Adressaten ihrer üppigen Speisenfracht, die sie vor sich herträgt, an einem entfernten Tisch zum Wasser hin gesichtet hat. Rüde, ein wenig zu eilig, zu gierig schiebt sie sich an einer Endsechzigerin vorbei, die versunken ein Schälchen mit wilden Kartoffeln und Mayonnaise leermümmelt. Wieder an einem anderen Tisch erhebt sich ein älterer Mann mit dunklen Haaren und zerfurchtem Gesicht und schlängelt sich schwankend und mit den Augen rollend zwischen den Tischen durch zum Ausschank, aber nur um das Glas, sein letztes für heute, zurückzubringen.
Man könnte meinen, der Wind werde stärker, während der Kaffee zusehends erkaltet. Wir sitzen auf der Schattenseite des Flußufers, nach der ich eben mit dem Fährschiff „Johanna“ übergesetzt bin, die Birken und die rückwärtigen zehnstöckigen Wohntürme rauben uns das Licht. Und hat nicht Marcel Proust einmal gesagt: Schreibt, solange ihr genügend Licht habt?
Patrick Wilden, 9./12. Oktober 2005 ID 2063
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
ANTHOLOGIE
INTERVIEWS
KULTURSPAZIERGANG
MUSEEN IM CHECK
THEMEN
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|