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Patrick Wildens jour fixe



Jederzeit kann er einbrechen, der Winter. Man denkt nichts böses, schlürft meinetwegen gemütlich den obligatorischen Voradventstee am Wohnzimmertisch mit Blick auf den kahl gewordenen Hang oder sitzt in der Straßenbahn, wo der Kontrolletti gerade die Hand nach einem ausgestreckt hat. Und mit einem Mal bricht er herein: mit der eisverkrusteten Antenne des Fernsehturms durchs Wohnzimmerfenster oder in Form eines frostigen „Her mit der Fahrkarte!“ von unter der Strumpfmaske. Oder es klingelt an der Wohnungstür, so wie neulich die zappelig-trappeligen Halloween-Kinder, nur daß es diesmal keine Harry-Potter-gestählten Knirpse sind, die mit imitierter Grabesstimme „Süßes, oder es gibt Saures!“ fordern, sondern der Winter, der da vor der Tür steht, freundlich good afternoon sagt und sich alsbald in wirbelnden Flocken hinaus in die Dämmerung begibt.
Man sollte meinen, daß es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen dem Einbruch des Winters und der Tatsache, daß selbiger vor der Tür steht. Es handelt sich dabei ja um die landläufigen Metaphern, die zur Beschreibung des Wetters dieser Tage gerne inflationär gebraucht werden. Im ersten Bild drängt sich der Winter fast gewalttätig in die Sphäre der noch immer sommerverliebten Menschen, rückt ihnen regelrecht zuleibe und scheucht sie, etwa mit Erkältungen, Schlechte-Laune-Attacken oder gar Todesahnungen, vor sich her. Im zweiten Bild steht er, könnte man meinen, zum Glück da, wo er auch bleiben kann: vor der Tür. Auf das, was jenseits der Tür passiert, so suggeriert diese Redensart, pfeifen wir, gehen ohnehin nur dann hinaus zur Arbeit, zum Supermarkt oder zum Frisör, wenn es sich nicht vermeiden läßt. Letztlich aber meinen ja sowohl der einbrechende wie der vor der Tür stehende Winter, daß etwas geschieht, nur daß nicht ganz absehbar ist, wie es geschieht. Und das heißt eben auch, daß man es sich nicht immer egal sein lassen kann. Wenn der Winter vor der Tür steht, beinhaltet das, daß er irgendwann zur Tür herein kommt, was allerdings meist so gemächlich von statten geht, daß wir uns bis dahin längst an den Gedanken – sowie an die Tatsache, daß die Strom-, Heiz- und Spritkosten tendentiell ins Unermeßliche steigen – gewöhnt haben.
Den Einbruch des Winters erlebte ich neulich nacht auf der Autobahn. Zwar blieb er, um im Bild zu bleiben, vor meiner Wagentür, doch nachdem ich auf der Höhe bei Limbach-Oberfrohna mit den abgefahrenen Reifen meines Autos in einen beginnenden Blizzard geraten war, wurde ich bei der Abfahrt ins Tal von zwei Polizisten mit Taschenlampen an den Straßenrand geleuchtet. Sie wollten nur sichergehen, daß ich nicht darüber fahre, sagte der eine Polizist durchs geöffnete Fenster und hielt einen amorphen Metallgegenstand hoch. Erst da sah ich das vom Polizeiwagen zum Teil verdeckte und durch mehrere Begegnungen mit der Leitplanke etwas konturlos gewordene Fahrzeug, das sich entgegen der Fahrtrichtung stehend in den Straßengraben drückte, dessen abgefallene Teile die Beamten gerade von der Fahrbahn lasen. Ich weiß nichts über Opfer und hatte nicht einmal Zeit, die Polizisten zu bedauern, sondern eilte schleunigst weiter, froh, noch einmal davongekommen zu sein, und mit der sicheren Gewißheit im Gepäck, daß Zeitungsmetaphern in der Regel nichts als dummes Gelalle sind.


Patrick Wilden, 18. November 2007
ID 3544




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