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Patrick Wildens jour fixe



Was muß ich da für eine niederschmetternde Notiz in meiner hauptstädtischen Tageszeitung lesen? Vor ein paar Tagen verunglückte auf der Autobahn Nr. 14 unweit des Ortes Könnern im Lande Sachsen-Anhalt ein Bus mit 48 Senioren. Dreizehn von ihnen, so teilte die Zeitung mit, seien gestorben, als ein nicht rechtzeitig zum Stehen gekommener Lkw auf den Reisebus auffuhr und diesen einen Abhang hinunter schob; dreißig wurden dabei verletzt. Hubschrauber stiegen auf, die eingeklemmten alten Menschen zu retten, die auf dem Weg von einer ungenannten Stadt im Lande Nordrhein-Westfalen nach... ja, tatsächlich: nach Dresden waren. Das schmerzt doppelt – einerseits der tragische Tod eines guten Viertels der Busbesatzung, andererseits die Tatsache, an der schicksalhaften Stätte wohnhaft zu sein, die der Unglücksbus angepeilt hatte, und dort auch noch Geschäften nachzugehen, in die gelegentlich Rentner involviert sind. Eine Stadt, die sie nun nie erreichen sollten – Schicksalsort Dresden. Dabei sind mir diese Menschen so unglaublich vertraut. Tagaus tagein halten Busse aus aller Herren Altländer vor meiner Wirkungsstätte, aus denen muntere Sechzig- bis Achtzigjährige purzeln. Das heisere Gemurmel der Busmotoren gehört zu meinem Alltag wie die Kuppel der Frauenkirche zur Stadtsilhouette. Die aufgeweckten Alten rotten sich dann zumeist in relativ kurzer Zeit zusammen, nicht selten scharen sie sich um einen plötzlich hinzugetretenen, schlecht verkleideten Hofnarren Fröhlich, der sie in seimigem Sächsisch in Richtung der erwähnten Pop-Kirche dirigiert. Vom rückwärtigen Fenster des Hauses kann man die Karawane dann schön betrachten, wie sie irgendwann unter den Schaulustigen, zwischen den Fassaden des Potemkinschen Dorfes verschwinden, dessen Mittelpunkt das altneue Gotteshaus bildet. Manchmal, wenn es Bindfäden regnet oder die Sonne zu sehr sticht, haben die rüstigen alten Leutchen noch die Muße, in den wackligen Auslagen eines nahen Antiquariats ein paar ortsidentifikatorische Büchlein, die ihnen nach dem ersten August-der-Starke-Briefing passend erscheinen, wie die Speckseiten in den Händen zu wiegen, wie die Schinken von allen Seiten zu begutachten, sie dann anschließend in den Laden zu tragen und mit der Verkäuferin um den Preis derselben bis aufs Messer zu feilschen. Öfter allerdings sind sie nach dem Besuch der unzähligen, aus dem Boden gestampften Gastronomien in Kirchennähe so matt, daß sie sich nurmehr, unter lautstarker Verarbeitung von Sinneseindrücken, zu ihrem Luxusliner zurückschleppen können, der sie in den sicheren Hafen irgendeines mindestens fünfstöckigen Hotels im Stadtgebiet überführt. Eine dieser fröhlichen Gesellschaften hätte der Unglücksbus sein können. Was haben diese Menschen getan, daß einigen von ihnen nun auf der Autobahn Nr. 14 bei Könnern so ein Ende bereitet wird? Womit ist es zu rechtfertigen, daß vier Duzend potentieller zahlender Gäste und kauffreudiger Kunden, manche auf ewig, von einem Besuch im prosperierenden Elbflorenz abgehalten werden, das ihrer doch so dringend bedarf, um auch die allerletzten Schuttberge des Weltkriegs und Reste des Sozialismus beseitigen zu können? So verrückt es auch klingen mag – sie starben für Dresden. Wir sollten das nicht vergessen.

Patrick Wilden, 22. Juni 2007
ID 3314




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