Eigentlich wollte ich ja...
Diesem ganz besonderen Kolumnenanfang sollte man vielleicht einmal eine Extrakolumne widmen, dem „Eigentlich wollte ich ja“. Falls es noch niemand gemerkt hat: „eigentlich“ bedeutet das komplette Gegenteil dessen, was ich hier sagen will. „Eigentlich“, so müßten wir Strengdeutsche doch eigentlich denken, „eigentlich“ meint doch eigentlich soviel wie ‚ganz ursprünglich‘, ‚vor allem anderen‘. Doch wenn ich hier „eigentlich wollte ich ja“ schreibe, so möchte ich von der schlichten Tatsache ablenken, daß es mir gerade zu blöd ist, das, was ich „eigentlich wollte“, zu tun. Und das Schlimme ist: das tun alle Kolumnenschreiber, überall auf der Welt, zu jeder Uhrzeit. Auf Nowaja Semlja genauso wie in Mogadischu, in Kuala Lumpur auf dieselbe Weise wie in Dresden. Und was noch viel schlimmer ist: das alles schreibe ich nur, um neugierig zu machen.
Neugierig geworden? Tja, eigentlich wollte ich ja...
Ob es mir noch gelingen wird, das Eigentliche meines kleinen Beitrags hier auszuspucken? Es auszudrücken, damit andere es ausdrucken können? Worum könnte es bei dem gehen, was ich eigentlich erzählen wollte?
Nur soviel: es entbehrt jeglicher Besonderheit und führt uns im Gegenteil ins Reich der schlichten Alltäglichkeiten. Was könnte man an den grauen, verhangenen, verregneten, vernieselten, vergraupelten Nachmittagen, an denen es schon vor der Zeit dunkelt, anderes tun, als sich im Kreis von Freunden und Bekannten zum Glühweintrinken zu treffen? Glühwein ist überall, glühwein is everywhere, le vin chaud c’est partout... Manch einer wird da mit seinem weisen Haupt nicken, wohl weil er auch so eine Geschichte zu erzählen hat, wie er sich neulich mit Freunden, Bekannten, Kollegen, den Jungs vom Wasserball oder den Mädels von der Tanzstunde zum Glühweintrinken versammelt hat. Und wer nicht alles gekommen ist – eine richtige internationale Gesellschaft. Ucho aus Finnland ist da mit seiner Freundin Uschi, Oko ist extra früher von der John-Lennon-Gedenkfeier weggegangen und hat Otschi aus Bangladesh mitgebracht. Nohy, ein Kumpel aus dem Wohnheim, hat gleich Koleno dabei, einen Typen, mit dem er mal in seiner Petersburger WG zusammengewohnt hat, und gemeinsam saufen sie den ersten Kübel Glühwein bis aufs letzte Zimtkrümelchen fast alleine leer. Doch wollen Ruka und Pusa, die ein einsetzender Schneesturm hereingeweht hat, auch noch bekocht werden, drum hauen wir die nächsten beiden Flaschen billigen Rotwein in den Kochtopf – damit die Farbe der Wangen nicht erlischt, damit die Münder mollig, die Augen glasig, die Ohren wieder warm werden und damit die Extremitäten auch künftig keine Frostschäden abkriegen.
Kommt Ihnen bekannt vor? Habe ich’s mir doch gedacht! In diesen schaurigen Zeiten denken wir doch alle nur an eines.
Was ich aber statt der eigentlichen Geschichte erzählen wollte, klingt so: Neulich, als ich in der „Sonne Asiens“ inmitten von dumpfen Feierabendbiertrinkern auf das von mir bestellte Gericht Nr. A 38 („Hähnchenfleisch, gebacken, nach chinesischer Art, scharf“) wartete, bemerkte ich durch die geöffnete Tür im Nebenraum einen sturzbetrunkenen Mann, der sich mit einer für mich unsichtbaren Frau unterhielt. Und ich versuchte mir die ganze Zeit vorzustellen, wie sie wohl aussah, ob sie jung war oder alt, welche Haarfarbe sie hatte und ob sie genau so viele Biere intus hatte wie ihr Gesprächspartner. Doch verließ ich das Lokal mit dem Gericht Nr. A 38 unter dem Arm, ohne von der Frau mehr erspäht zu haben als die Nasenspitze und einen Zipfel ihres Pelzmantels. Das war’s.
Aber eigentlich wollte ich ja auch...
Patrick Wilden, 9. Dezember 2005 ID 2168
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