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Das Verhältnis zwischen Büchern und Weihnachtsmärkten war immer schon gespannt. Das mag daran liegen, daß es sich bei den einen um eine Ware, bei den anderen aber um eben jene Tummelplätze handelt, auf denen Waren gehandelt werden. Doch weil Weihnachtsmärkte seit jeher eben nicht Jahrmärkte der Eitelkeiten sind, wie sie für den Vertrieb von Druckwaren, seien sie frisch aus dem Druckhaus oder auch aus miefigen Antiquariatsregalen, charakteristisch sind, Wegkreuzungen, an denen nicht nur Schriftsteller mit ihren Lesern, sondern auch Goldschnitte mit Buchrücken und verschiedenen Schriftarten aneinandergeraten,– eben weil dies so ist, sind Bücher von den geruchsintensiven Schaustellereien der Nikoläuse, Ruprechtsknechte und Christkinder ausgeschlossen.
Ein ähnlicher Graben durchzieht dabei übrigens die Vertreter der Lesewelt, die sich in der Vorweihnachtszeit aufteilen in diejenigen, die hinter der Kasse lehnen und mit jedem Öffnen der marktnahen Ladentür eine neue Nasevoll Mandelduft und Apfelkern atmen, ohne der nach Glühwein lechzenden Zunge Linderung verschaffen zu können, und diejenigen, welche vor dem Ladentisch stehen und nach dem Einstecken der Leseobjekte und des Wechselgeldes in eben jene pfefferkuchengesättigte Außenwelt entschwinden können. So weit, so unausgewogen.
Nun gibt es jedoch in der Welt der Bücher noch eine dritte Gruppe Beteiligter, die sich viel unbefangener als Leser und Verkäufer zwischen den Buchwaren und den Thüringer Rostbratwürsten hin- und herbewegen können. Sehr richtig – es sind die Autoren. Dabei braucht man als Unbeteiligter nicht einmal den Trugschluß zu ziehen, daß Autoren nur dadurch, daß ihre eigenen Bücher im Laden liegen, als Käufer sozusagen neutralisiert wären. Wer Autoren kennt, weiß, mit welcher Mißgunst sie auf ihre Kollegen blicken und daher die Schriften der Kollegen auch kaufen müssen, schon um sie zerreißen zu können.
Und doch sind sie nicht schlichten Buchkäufern vergleichbar, die, sobald sie die Ware im Beutel tragen, nurmehr Fritten und Quarkbällchen im Sinn haben. Nein – befindet sich ein Autor in einem weihnachtsmarktnahen Buchladen, werden sozusagen die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben – kann man denn gesicherte Auskünfte darüber geben, was in so einem geweihten Haupt vorgeht? Weiß man denn, ob nicht, bereits beim Eintritt in den Laden, längst im Geiste eine frische Manuskriptseite aufgeschlagen worden und das weihnachtliche Gepräge und Gepränge quasi als literarischer Schuldschein auf künftige Handelsobjekte in den Laden getreten ist?
Befindet sich ein Autor im Laden, so werden die Regularien des Weihnachts- und des Marktes zumindest karnevalistisch herausgefordert – und das ohne die Frage klären zu müssen, ob nun Christstollen und Erzgebirgsschnitzereien oder eben Bücher über Christstollen und Erzgebirgsschnitzereien als höherwertig anzusehen sind.
Die Frage ist nur: Wie erkennt man einen Autor im Laden, wenn er in der Öffentlichkeit wenig präsent ist und nur über seinen guten Namen wirkt? Als schlichter Buchkäufer, der mit den Gedanken sowieso schon bei der Chinapfanne ist, womöglich gar nicht. Doch als Verkäufer – soviel kann ich aus eigenem Erfahren berichten – erkennt man Autoren sofort, und zwar an der Eurochequekarte der Ostsächsischen oder Berliner Sparkasse. Und erstaunt sieht man dann vielleicht auf und versucht, Spuren von Ruhm und Esprit in dem ausdruckslosen Gesicht zu finden, das mit stiller Sehnsucht an einem vorbei in die bunte Glitzerwelt vor den Schaufenstern blickt. Und denkt, während der Autor mit zitternder Hand die Geheimzahl eingibt und zweimal auf die Taste drückt, ein wenig ernüchtert: Das kann nur Durst auf Glühwein sein.
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Patrick Wilden, 2. Dezember 2004 ID 1462
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