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Alles ist möglich. „Gloria in excelsis Deo“, singt ein Chor im Lautsprecher. Die Komposition ist neuzeitlich, aber nicht kakophon. „Klassisch modern“, könnte man sie nennen. Ich kann leicht die Pause-Taste des CD-Players bedienen und statt dessen den rhabarbernden Fernseher sprechen lassen. Aber traut man sich, wenn Gott in der Höh’ gerade Ehre zugerufen wird, Kochshows anzustellen? Oder Night-Teleshopping? Na ja, geht doch. Man könnte auch beides zusammen laufen lassen und Studien über eine bestimmte Form von audiovisueller Kontrapunktik anstellen, die sich in einem Internetblog bestimmt nicht schlecht machen würden. Das Himmlische und das Vulgäre. Die Gleichzeitigkeit des uneingeschränkt Vorhandenen: es läßt sich alles erzeugen, alles in die heimischen vier Wände holen. Wie verhält sich dazu, sagen wir mal, eine Intensivstation? Ich war neulich auf einer Intensivstation, gleich mehrmals hintereinander. Es scheint gar nicht so schlimm zu sein, einen nahen Verwandten mit all den Schläuchen und blinkenden Apparaturen zu sehen, denn als Projektionsfläche haben wir ja zur Not immer noch „Dr. House“. Oder „In aller Freundschaft“. Da werden echte Schicksale verhandelt, bisweilen sogar mit brillanten Schauspielern und messerscharfen Dialogen. Auf der wirklichen Intensivstation ist das alles fern. Der eigene Körper, in Alltagsklamotten, in Haube und Kittel, taucht aus seiner Anonymität, aus der Trance auf, in die ihn zum Beispiel die Fernsehserien versetzen. Man weiß nicht, wohin mit sich, hat den Eindruck, im Wege zu sein. Dabei ist das Pflegepersonal, trotz seiner miesen Bezahlung, überaus freundlich. Die charismatisch widerstreitenden „Götter in Weiß“ hingegen sind nicht zu sehen. Sie lassen sich auch per Fernbedienung nicht herbeiknipsen. Genauso wenig läßt sich die Gesundheit des nahen Verwandten per Knopfdruck wiederherstellen. Man spielt mit dem Handy, eine Verlegenheitsgeste, doch das Personal blickt sorgenvoll. Man wird zum Telefonieren hinausgeschickt. Wieder eine Ablenkungsstrategie: wir verständigen einen weiteren nahen Verwandten über Verbesserung oder Verschlechterung der Lage, weil wir, zwischen all den Schläuchen und Kabeln, das Herz nicht schlagen hören wollen oder können. Weil die Beklommenheit echt ist, im Gegensatz zur hirnerweichenden Fernsehberieselung. „Dr. House“ ist auf stumm gestellt. „Und auf Erden Friede den Menschen, die guten Willens sind“, singt der Chor weiter, nachdem wir die Pausenfunktion mit der Play-Taste aufgehoben haben.
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Patrick Wilden, 21. Februar 2008 ID 3714
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