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Die richtige Mischung war bei Eisenach erreicht. Schon länger hatte ich die Rapsfelder bewundert, die sich das Saaletal, durch das Thüringer Becken und selbst hier, im Schatten der riesigen Autobahnbrücke im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzland, an der Bahnstrecke entlangzogen. Raps ist im Frühling nichts Außergewöhnliches – aber am 20. April schon Rapsfelder? Auch die Hügel rings herum waren bereits grün, obwohl es seit Wochen kaum geregnet hatte. Ich hatte die ganze Fahrt seit D. gelesen und war nun in einer eigentümlichen Verfassung. Natürlich wußte ich, wohin die Reise ging, hatte diese Fahrt schon oft zurückgelegt und war an der Stelle, wo sich der Schienenstrang nach Norden und nach Süden gabelt, sowohl in die eine wie in die andere Richtung viele Male abgebogen. In diesem Moment hatte ich freilich nichts mehr zu entscheiden, hatte vielmehr die Entscheidung darüber, wohin ich abbiegen würde, lange hinter mir. Meine Fahrkarte war gültig, der Zug stimmte, am Ende der Reise warteten Freunde auf mich. So auch diesmal. Die Richtung war eigentlich egal. Man liest und denkt so vor sich hin, – und wenn ich „man“ sage, dann meine ich: wir alle kennen das. Auch der Typ drüben in der anderen Sitzgruppe, der die ganze Zeit über, zwei Stunden schon, Zeitung las und Kreuzworträtsel löste; auch die vier jungen Araber, die gleich aussteigen würden, aber vielleicht hätte ich es auch nur gerne so gehabt, weil ich sie nicht verstehen konnte, hätte es gerne gehabt, daß sie sich auch so in den sonnigen Aprilabend hineindenken und -lesen wie ich, – damit ich die Gewißheit habe, wenigstens etwas mehr als den Zug mit ihnen gemeinsam zu haben. Ich wußte darüber nichts. Was ich aber wußte, war, daß die richtige Mischung nun erreicht war. In den Büchern, in denen ich gelesen hatte, war von existentiellen Problemen die Rede gewesen. Soldaten erschießen im Versehen die Tochter ihres vorgesetzten Offiziers und geraten in Gewissensnöte. Auch der kurz darauf beginnende Angriff auf die Sowjetunion, der „Fall Barbarossa“, erlöst sie nicht, schafft nur einen Raum für Gewissenlosigkeit – und eröffnet mannigfaltige Möglichkeiten zum Sterben. Franz Fühmann, von dem die Erzählung „Kameraden“ stammt, hat diese Möglichkeiten nur angedeutet. Doch ich saß nun da und konnte nicht umhin, sie weiter- und weiterzudenken. Ich schiebe es auf den Existentialismus der Geschichte, das Allgemeingültige, vor dem sich niemand, wenn er versucht, mit sich selbst im Reinen zu bleiben, verstecken kann. Auch das Geschaukel des Zuges wirkte dabei nicht sehr beruhigend. In einem anderen Buch las ich schließlich etwas über einen Mann, der mit einer jungen schönen Frau in ein südliches Land reist und plötzlich merkt, wie sie den anderen Männern, die wie aus dem Reiseprospekt ausgeschnittene, gutaussehende und braungebrannte Südländer daherkommen, schöne Augen macht. Die mit ihnen immer offener anbandelt, so daß dem Mann, einem – natürlich! – alternden Schriftsteller, nur die traurige Erkenntnis bleibt, daß er abgemeldet ist. Wieder so ein universaler Stoff also, und ich merkte ganz deutlich, wie mir der Kopf schwirrte. Ich legte die Bücher beiseite, ja, ich packte sie in meinen Rucksack zurück, während sich der Zug anschickte, in den Bahnhof von Eisenach einzufahren. Oben, über der Stadt, sah ich die Lkws über die Autobahn schleichen, ich kannte die schmale, kurvenreiche Strecke über die Höhen bei Eisenach, von der aus man nur die Wartburg, aber nicht die Stadt sieht. Vielleicht doch, vom Bock eines Sattelschleppers herunter? Die Araber stiegen aus. Beinahe hätte die bärbeißige Schaffnerin ihnen noch einen Aufschlag auf den Fahrpreis verordnet, weil sie Fahrkarten niederer Kategorie hatten. „Beim nächsten Mal Zahlemann und Söhne“, hatte sie ihnen gesagt, um sie von ihrer Milde zu überzeugen, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß die vier jungen Männer überhaupt das Problem verstanden. Auch eine blonde junge Frau rüstete sich zum Aufbruch. Sie hatte, die Sonnenbrille ins Haar gesteckt, die ganze Zeit in einem Buch gelesen, das ich entweder nicht erkannt oder dessen – nichtssagenden? – Titel ich schlicht vergessen habe. Kurz darauf, als die ganze Mannschaft auf dem Bahnsteig stand, sah ich, wie klein diese Frau eigentlich war. Widersprüchliche Gedanken gingen mir im Kopf herum, ich fragte mich zum Bespiel, ob ich es befriedigend fände, nun hinter dieser kleinen blonden Frau her aus dem Zug auf einen nichtssagenden deutschen Bahnsteig zu treten, der mich ein wenig großspurig mit dem Hinweis auf die „Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs“ empfinge. Ich spürte, daß die ganze schlichte Situation von einer gewissen Dichte war, die einzig und allein ich selber wahrnahm. Der Zug fuhr an, die Ausgestiegenen blieben auf dem Bahnsteig zurück und warteten, wie es schien, auf einen Anschlußzug. Die vier Araber sah ich nicht mehr, dafür die kleine blonde Frau, die sich ihre riesige Sonnenbrille aufgesetzt hatte und ausdruckslos dem abfahrenden Zug nachsah, dessen getönte, spiegelnde Fensterscheiben für sie im wahrsten Sinne des Wortes undurchschaubar waren. Und was sollte mir das alles nun? Der Zug rollte wieder, was Züge eben so tun. Nichts wies auf eine Besonderheit hin, auch die Landschaft mit ihren Hügeln und Rapsfeldern änderte sich kaum. Ich dachte vielleicht so etwas wie, daß es einfach schön ist, das tun zu können, was man möchte. Und dennoch hätte ich um nichts in der Welt an diesem Bahnhof aussteigen wollen. Ich hatte mit einem Mal das Parfum in der Nase, das die abtrünnige junge Gefährtin des Schriftstellers im Buch benutzte, süß war es natürlich, aber auch schwer – so schwer zumindest, wie es ist, anständig über Verführung und dergleichen zu schreiben. Ein Geruch, der ansprach und zugleich Distanz schaffte. Die Distanz, die die Buchseiten zwischen mich und die auf ihnen erzählte Geschichte legte. Ich bemerkte, daß wirklich ein Hauch von Parfum durch den Waggon wehte, und überlegte, ob es wohl von der Frau mit der Sonnenbrille übriggeblieben war. Doch damit hatte es sich schon. Einzig die Frage, ob all diese kleinen, für sich betrachtet belanglosen Details irgendeine Bedeutung hatten, als Ingredienzien für die richtige Mischung, beschäftigte mich noch eine Weile. Doch rund hundert Kilometer weiter griff ich schließlich wieder zu meinen Büchern.


Patrick Wilden, 20. April 2007
ID 3166






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