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Ich muß es einfach so sagen: seit einigen Tagen schaue ich mit neuen Augen auf die Welt und auf das Leben. All die Holzwege, die ich einmal beschritten habe, liegen als mieses, zerschlissenes Parkett hinter mir. Ich setze mein Augenglas auf, und mit einem Mal erscheinen die griesgrämigen Gesichter der Bürger, die mir auf dem Trottoir begegnen, regelrecht freundlich. Ich betrachte einen Geldschein und erkenne auf einen Blick das Werk der Falschmünzer. Und doch komme ich nicht umhin zu denken, daß da irgendetwas nicht stimmt. „Wie im Film“, würden viele wohl sagen, wenn sie die neue Sicht auf die Dinge, die Welt, das Leben gewonnen hätten. Ich aber denke: „Verdammt, das ist ja wie im Buch.“ Gut, ich gebe zu, das ist altmodisch. Aber muß man nicht gelegentlich ganz bewußt und allen zum Vorbilde altmodisch sein? Die Frage schließt sich an: Gibt es überhaupt eine Welt außerhalb des Buches? Schon Hadschi Halef Omar sagte, daß alles im großen Buch des Lebens verzeichnet sei, man sich also keine Sorgen zu machen brauche, da es ohnehin komme, wie es komme. Wäre es da nicht vortrefflich, wenn man sich dieses große Buch des Lebens einfach in den Schrank stellen und schnell mal nachschauen könnte, was noch so ansteht? Andererseits: in welcher Auflage sollte so ein Buch erscheinen? Wer übernähme das Lektorat, welcher Verlag würde es drucken? Sollte man es ausschließlich als Billige Volks-Ausgabe erscheinen lassen, oder wäre Leinen mit Schutzumschlag oder gar die numerierte Ganzlederausgabe im Schmuckschuber anzustreben? Ich wage auch nicht, mir auszumalen, in welch astronomische Höhen der Preis eines derartigen Buches klettern würde, sollte es mal out of print sein. Überdies bleibt anzuzweifeln, ob sich so ein Projekt überhaupt lohnen würde. Welcher Freizeitaktivist will denn am Ende gerne wissen, daß er sich mit Zweiundvierzig beim Bungee-Jumping den Schädel einschlägt? Und welcher Dichter, daß er sein finales Akrostichon drechseln, noch bevor er sein neunundsechzigstes Lebensjahr vollendet haben wird? So sind all die Bücher, die gemeinhin in den Regalen lagern, der Objekt gewordene Trost für das Nichtkennen des Hadschi Halef Omarschen Lebensbuches. Welch großartige Leistung indes! Menschen haben die Kraft ihrer Vorstellung und damit einen erklecklichen Teil ihrer Lebenszeit darauf verwendet – und sie tun das noch immer –, sich auszumalen, wie es weitergeht mit den Dingen, dem Leben und der Welt. Je älter und zerschlissener und weiser sie werden, desto reicher wird die Illusion, desto schillernder die Welt der Vorstellungen, von manchen auch Literatur genannt. Und ich finde es ehrlich gesagt besser so. Ich kann ja nicht jedem die neue Sicht, die sich mir eingestellt hat, aufzwingen. Ich stelle mir vor, ich würde den nächstbesten Straßenmann anhauen und ihn fragen, ob er gelegentlich mal im großen Buch des Lebens lese. „Neeje“, würde der mir wahrscheinlich keß entgegnen und sich am Schnurrbart zupfen. „Ich guck nur manchemal ins Telefonbuch.“ Was sollte ich ihm entgegnen? Daß er sich mal ’ne neue Brille kaufen sollte?


Patrick Wilden, 2. August 2006
ID 2579






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